prosa I




Dort drüben ist Afrika


Ich schaue aus dem Fenster. Links der Drachenfels. Schloss und Ruine thronen auf ihren bewaldeten Hügeln im Siebengebirge. Davor die Autobahn auf Stelzen. Vorne verwinkelte Häuser, hier und da Fachwerk, hier und da ein Gärtchen mit Rose, Flieder und Zaun. In einem runden Gehege rennt ein Hase im Kreis. In der Mitte sitzt ein Kind, schaut dem Hasen zu. Dann steht es auf und läuft hinter dem Hasen her, versucht ihn zu fangen.
Lauf, Häschen, lauf!
Hinter den Häusern ragen zwei Kirchtürme empor. Links ein dunkler Backsteinbau mit hohem, spitzen Schieferdach und Kreuz; rechts ein einigermaßen weiß getünchter Bau mit kugeligem Dach, mit Kreuz und goldenem Wetterhahn verziert. Zwischen den Kirchen hindurch, über die Häuserdächer hinweg, öffnet sich der Blick in die Ferne: grüne Felder, Wald und Wiesen liegen hinter dem Rhein, der zwischen Königswinter und der Landschaft am Horizont fließt. Den Fluss sieht man von hier aus freilich nicht. Es sind nur wenige Minuten zu Fuß von hier zum Rheinufer durch das verwinkelte Dorf. 
Über allem wölbt sich der Himmel mit weißgrauen Wolken. Ein schöner Ausblick.
Mein Fenster ist immer ganz geöffnet, wenn ich hier bin, in diesem verlassenen Krankenhaus St. Josef Endstation.
Heute kommt ein älteres Paar zu Besuch. Der Mann erzählt mir, dass er in diesem Krankenhaus geboren wurde. 1942. Er tritt ans Fenster, schaut hinunter in das Dorf, in dem er seine ersten Lebensjahre, mitten im Krieg noch, verbrachte. Dann zeigt er in die Ferne und sagt: „Dort drüben ist Afrika“.
Ich klappe mein Buch zu. „Der Traum vom Leben, eine Afrikanische Odyssee“. Die Frau lacht, hat den Titel gelesen. „Und sie lesen gerade über Afrika!“, sagt sie. „Ja“, antworte ich, „ein Buch über Flucht“. Dann stehe ich auf, schaue aus dem Fenster und frage: „Wo ist Afrika?“
„Dort drüben“, erzählt der alte Mann und zeigt wieder in die Ferne zwischen den zwei Kirchen, „da waren früher immer gelbe Felder, Weizen oder so. Die leuchteten golden. Und das war so weit weg, auf der anderen Seite des Rheins, da kamen wir nie hin. Und da sagten wir: Das ist Afrika. Das Gold ist der Sand der Sahara. Und da leben die Schwarzen, die Kannibalen, die Menschenfresser. Die kommen aber hier nicht hin. Afrika ist weit weg“. Und er lacht.
„Das haben wir ja in der Schule gelernt, das mit den Menschenfressern“, sagt die Frau.
Und ich erinnere mich an ein Kinderlied:
In den Straßen von Mombasa werden Menschen  umgebracht/ In den Leichen stecken Messer mit der Aufschrift: Menschenfresser/ Humba humba sassa, humba humba sassa, humba heio heio ho.
Oder an das Spiel: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand! Und wenn er kommt? Dann rennen wir!
Unschuldige Kinderspiele.

Bahnschrankenbimmeln, Autogeräusche, ein Hase rennt lautlos im Kreis. Kirchenglockenläuten, evangelisch und katholisch, beide auf einmal in traditioneller Kakophonie.

Kindheitserinnerungen. Dort war die Grundschule. Gleich da unten, wo heute dieses verklinkerte AOK-Gebäude steht, weißgelblich wie Zahnersatz. Dann wurde den katholischen Kindern eine neue Schule spendiert, die Rattenköpp blieben im alten Gebäude.
Und eines Tages brannte die Kirche der Rattenköpp. Die Dachnägel schmolzen, und die Schieferplatten flogen brennend umher. Dann stürzte das Kreuz kopfüber in den Rasen.
„Ein Satanist hätte es nicht effektvoller inszenieren können“, sagt der alte Mann lachend.
Für die Kinder gab’s schulfrei und einen Aufsatz zu schreiben.
Kriegszeit. Bilder vom „Führer“ in den Schulen und in den Kindergärten. Hakenkreuze an Kinderhemden. Verblasste Erinnerungen.
Nach dem Krieg kamen die Einbeinigen, die Versehrten den Rhein hinauf. Afrikas Felder verrußt, Wasserleichen im Fluss. Die Kinder stocherten in Vater Rheins Gedärmen und fanden aufgedunsene Tote. Die hatten es nicht geschafft.

Heute fliehen Menschen aus Afrika über die Meere nach Europa. Europa schützt sich wie vor Menschenfressern. Heute stirbt ein Kontinent, heute findet ein Exodus statt, die Menschenfresser haben ihr Werk getan.
Kolonialherren, so nannten sich diese Menschenfresser.
Unaussprechliche Grausamkeiten liegen auf den Wegen von Königswinter bis nach Afrika, überziehen die Kontinente entlang weiß getünchten Kirchen, Flussläufen und Meersküsten. Von den sprichwörtlichen „Kongogräueln“ des Belgischen Königs Leopold II Ende des 19ten Jahrhunderts, den ersten „concentration camps“ , errichtet 1900 von Briten in Südafrika, über „Konzentrationslager“ in Deutsch-Südwest-Afrika 1904 unter Oberbefehlhaber Lothar von Trotha bis hin zu Buchenwald und Auschwitz, nehmen die Grausamkeiten oft den Anfang in einem Telefongespräch, einem Fax oder einer Unterschrift, getätigt an einem sauberen Schreibtisch weit weg von den Gräueln.
Als die weißen Menschenfresser Afrika verließen, überließen sie den geschändeten Kontinent schwarzen Menschenfressern. Gewalt gebiert Gewalt.
Erster Weltkrieg. Zweiter Weltkrieg. Grundrecht, Völkerrecht, Menschenrecht. Genfer Flüchtlingskonvention, 1951, Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge. Alle Menschen sind gleich. Niemand darf verfolgt werden. Wenn, dann sorgt die neue Staatengemeinschaft der Vereinten Nationen für Schutz. Das politische Asyl ist erfunden.
Heute. Wenn die schwarzen Menschenfresser dort drüben in Afrika den richtigen Rohstoff besitzen und sich dem richtigen System dort in Amerika, Russland oder China anpassen, bekommen sie Geld und Waffen, ungeachtet jedweder Grausamkeit, die sie an ihrem Volk begehen. Krieg, Hunger, Not, Leid und Elend treiben die Menschen aus ihrer Heimat fort.
Die es nicht schaffen, verdursten in der Wüste oder ertrinken im Mittelmeer oder im Atlantik.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand! Und wenn er kommt? Dann bauen wir eine Mauer mitten im Meer bis in den Himmel!
Dann kaufen wir Stacheldraht, Nachtsichtgeräte und Leichensäcke von so genannten Entwicklungshilfe-Geldern damit sie draußen bleiben, die schwarzen Menschen.
Wir beauftragen Frontex, eine private Armee zur Grenzsicherung, sie mit Waffengewalt zurückzutreiben aufs Meer, in Kriegs- und Krisengebiete, in den sicheren Tod: Männer und Frauen, schwangere Frauen und Kinder.
Eine Gemeinschaft aufgeklärter Länder mit Menschenrechten und Gesetzen, die Europäische Union, wahrt Menschenrechte und Wohlstand, indem sie uns vor denen da draußen bewahrt.
Zur selben Zeit bereichern sich Privatleute und Banken an Aktien-Geschäften durch Spekulation auf Grundnahrungsmittel, zum Beispiel in Äthiopien, inmitten einer Dürre, so dass andere verhungern. Menschenfresser!
Das machen wir, wenn der schwarze Mann kommt in der Hoffnung auf ein Leben ohne Hunger und mit Menschenrechten. Ausgeliefert, ausgehungert und erschöpft wird er nach oft jahrelanger Flucht angespült an die Küsten Spaniens, Italiens oder Maltas. Wenn er es überhaupt bis dahin schafft. Die Flüchtlinge werden immer weiter zurückgedrängt.
Sinkende Statistiken scheinen zu belegen, dass die Politik der entsprechenden Abkommen mit afrikanischen Staaten funktioniert.
Es kommen auch Menschen mit Wasser, Decken, Nahrung und ärztlicher Versorgung dorthin, an die Küsten Europas, in die Flüchtlingslager, in die Gefängnisse. Menschen, die helfen, die kämpfen, die sich einsetzen. Die gibt es. Damals wie heute. Nur sind es leider nicht genug, und sie haben zu wenig Macht, um schnell genug etwas zu ändern. Damals wie heute.

„Wenn die Guten nicht kämpfen, gewinnen die Schlechten“, soll Platon gesagt haben.
Grün ist Afrikas Sahara heute hinter Königswinter. Der Traum vom Leben.

Die Kinder von damals, erzählt mein Besucher im St. Josef Krankenhaus Endstation, stehen Fähnchen schwenkend am Bahngleis. Bimmelnd sinkt der Schlagbaum. Die Karosse mit dem ersten Staatsbesuch der jungen Bundesrepublik hält an. Ein Fenster geht herunter, öffnet sich. Haile Selassi, der letzte Kaiser Äthiopiens, verteilt Goldmünzen an die Kinder.

Er ist ein schwarzer Mann, ein freier Mann. Er kommt aus Äthiopien, der Wiege der Menschheit, so heißt es, weil dort Knochen gefunden wurden, die bis auf über drei Millionen Jahre zurückdatiert werden konnten.
Äthiopien bleibt das einzige nie kolonialisierte Land Afrikas. Anfang des 20ten Jahrhunderts, kurz nachdem der afrikanische Kontinent unter den europäischen Wirtschaftsmächten mit dem Lineal am Reißbrett aufgeteilt worden war, nach dem „Wettlauf um Afrika“, das heißt um seine Ressourcen, nämlich Rohstoffe und Sklaven, gab es in Äthiopien statt einer Kolonialmacht eine deutsche Gesandtschaft, die auf einem vom Kaiser geschenkten Grundstück lebte. Es gab einen Handelsvertrag mit Deutschland. In Berlin wurde ein Lehrstuhl für äthiopische Studien neu begründet. Deutsche Fachleute kamen zur Modernisierung nach Äthiopien.

1916 übernahm Ras Tafari Makkonen, Sohn eines Provinz-Gouverneurs, die Geschäfte.
„Er führte Äthiopien in den Völkerbund und wurde 1928 nicht zuletzt wegen dieses Erfolges König. Zwei Jahre später ließ er sich zum Kaiser Haile Selassie dem Ersten krönen.“, heißt es in einer Sendung des Deutschlandfunks aus dem Jahre 2004.
Und weiter wird in diesem Bericht über den Empfang Haile Selassis 1954 in Europa der Protokollchef der Bundesregierung, Hans von Herwarth, zitiert:
Wir sagen uns, wir haben heutzutage Flüchtlinge, es gibt noch große Not in Deutschland, man würde es weder in Deutschland noch im Auslande verstehen, wenn wir einen zu großen Luxus entwickeln. Es kommt uns darauf an, dass der Kaiser von Äthiopien sich bei uns recht wohl fühlen möge.“
“Für rote Teppiche, einen Baldachin am Bahnhof und einige Zirkus-Elefanten und Kamele am Rheinufer reichte es aber doch. Haile Selassie traf Präsident Heuss und Kanzler Adenauer, Parlamentarier und Industrielle, besichtigte Universitäten, Pferdegestüte und Krankenhäuser und gab auf dem Petersberg eine Pressekonferenz. Die Journalisten durften dem Kaiser Fragen zur aktuellen Politik stellen: 
Seine Majestät hat festgestellt, dass glücklicherweise im Lande Seiner Majestät dieses Problem des Kalten Krieges nicht besteht, und Majestät wünscht deshalb keine näheren Ausführungen zu dieser Frage zu machen.
Am Morgen des 11. November verließ Haile Selassie Bonn wieder. Die Elefanten am Rheinufer konnten zurück in ihren Zirkus.“
Soweit die Anekdote.

„Übrigens“, erzählt mein Königswinterer Besucher, sei das eine Preisfrage bei Günter Jauchs Sendung „Wer wird Millionär“ gewesen: „Wer war der erste Staatsbesuch der Bundesrepublik Deutschland?“. Und er fügt hinzu: „Diese Million hätte ich gewonnen!“

Warum besuchte der Äthiopische Kaiser Deutschland? Aus Dankbarkeit, weil Hitler ihm Geld geliehen hatte? Adenauer jedenfalls dürfte mit der guten Beziehung Hitlers zu Selassi kaum Probleme gehabt haben.

Wir lachen, heute in Königswinter. Und da fällt mir ein: Kürzlich habe ich über den amtierenden Lachweltmeister, den Äthiopier Belachew Girma, gelesen. In Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba gründete er 2011 die erste Lachschule Afrikas. Ärzte, Hausfrauen, Lehrer, HIV-und Krebspatienten und auch Kinder kommen zu ihm. Gemeinsam lachen sie jeden Tag. Gegen Krankheit, Kummer und Hunger helfen die körpereigenen Hormone, freigesetzt durch körpereigene Reflexe. Lachen kostet nichts. Es ist gesund, ohne Risiken und Nebenwirkungen. „Lachen ist das Leben. Aber das Leben ist nicht immer lustig“, sagt der Lachweltmeister.

Lachschulen verbreiten sich auch in unserer europäischen Wohlstandswelt. Anscheinend wird wenig gelacht, dort, wo die Menschen doch allen Grund zum Lachen haben. Könnten sie sich doch jeden Tag daran freuen, im Paradies zu leben! Um dieses Paradies zu erreichen, begeben sich Millionen Menschen auf eine lebensgefährliche Odyssee.
Derweil wird Belachew Girma nach Walsall, die laut einer Umfrage „traurigste Stadt Großbritanniens“ eingeladen, um dort die Menschen im Supermarkt und Altersheim zum Lachen zu bringen. Oder zu einer Friedenskonferenz nach Israel. Aufnahmen belegen, wie Araber und Juden zusammen mit dem Weltmeister lachen.

Das Paar, das mich in meinem Zimmer im St. Josef Krankenhaus Endstation besucht, ist fröhlich. Nach der Erzählung des Mannes, nach unserer Unterhaltung, lachen wir.
„Wir haben es doch geschafft“, sagt der Mann, und er meint, lachen zu können. „Wir“, betont er, „die Welt noch nicht“.

Bahnschrankenbimmeln, Autogeräusche. Ich schaue aus dem Fenster.
Der Drachenfels thront immer noch auf seinem Hügel. Häusergewinkel, Rosen, Flieder. Zäune. Zwei Kirchen. Afrika im Hintergrund. Der Hase sitzt immer noch in seinem Gehege. Will er laufen, kann er nur im Kreis rennen.
Ich schaue aus dem Fenster.
Und wenn er kommt?
Dann lachen wir!



Juli 2012, Lesung zur Matinée in St. Josef Endstation, 19. August, Königswinter; als Duo "Holunder" zusammen mit Dorothée Hahne (Sounds und Live-Elektronik)



Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnis

* „Der Traum vom Leben, Eine Afrikanische Odyssee“, Klaus Brinkbäumer, S. Fischer Verlag GmbH, Fankfurt am Main, 2006. Ausgezeichnet mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis 2007

*Menschenfresser-Kinderlied: Ich erinnere mich an eine Variante des Liedes „Negeraufstand“.
Den Text findet man z.B. unter http://www.j-bu.de/lnegeraufstand.htm
Ich kannte dieses Lied wahrscheinlich aus einem Kinderfreizeit-Ferienlager.

* Kongokonferenz: Sie fand auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Fürst Otto von Bismarck im Reichskanzlerpalais, Berlin, 15. November 1884 bis 26. Februar 1885 statt.
Siehe: „Die Aufteilung des „schwarzen Kontinents““, Alexander Bahar, 26.02.2010, Telepolis, Heise Zeitschriften Verlag
„Aufräumen, aufhängen, niederknallen“, Christian Staas, ZEIT Geschichte, Das Deutsche Kaiserreich, Nr.4 2010, Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co KG

*Genfer Flüchtlingskonvention
*Artikel 3, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet:
„Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“.

*Hungertod ist Mord“, Jean Ziegler in WDR3 Resonanzen, 2011
Jean Ziegler, Der Hass auf den Westen, Goldmann, 2011

*“Kaiser Haile Selassi besucht die Bundesrepublik“, Deutschland Radio, 10.11.2004, Schanett Riller

* Lachweltmeister Belachew Girma, SZ, 5./6. Mai, „Bitte recht lustig“, Tim Neshitov



Weiterführende Literatur zum Thema:

*Franz Ansprenger, Politische Geschichte Afrikas im 20ten Jahrhundert, becksche Reihe, München 1999

*Flucht und Asyl, Arbeitshilfe zum Globalen Lernen, Herausgeber EPIZ, Entwicklungspolitisches und Informationszentrum, Berlin, Dez 2009

*Fabrizio Gatti, Bilal, Als Illegaler auf dem Weg nach Europa, rororo, Reinbeck bei Hamburg 2011

*Wolfgang Benz, Claudia Curio, Heiko Kauffmann (Hrsg.), Von Evian nach Brüssel, Menschenrechte und Flüchtlingsschutz 70 Jahre nach der Konferenz von Evian, von Loeper Literaturverlag im Ariadne Buchdienst, Karlsruhe, 2008

*Rupert Neudeck, Die Flüchtlinge kommen, Warum sich unsre Asylpolitik ändern muss, Diederichs, Heinrich HugendubelVerlag, Kreuzlingen/ München 2005

*Uzodinma Iweala, Du sollst Bestie sein!, Ammann Verlag, Zürich 2008

*Sönke C. Weiss, Das Mädchen und der Krieg, Die Geschichte einer Kindersoldatin, Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers, 2006

Charta der Vereinten Nationen und Statut des Internationalen Gerichtshofs, DGVN, Deutsche Gesellschaft für Vereinte Nationen e.V.

UN-Basis-Informationen
- System der Vereinten Nationen
- Menschenrechte und Vereinten Nationen, 40
- Die Europäische Union und die Vereinten Nationen, 42

Informationen zur politischen Bildung, Bundeszentrale für politische Bildung, bpb

- Menschenrechte, 297 (4/2007), S. 32, 34, 56
- Afrika - Länder und Regionen, 302 (1/2009)
- Afrika - Schwerpunktthemen, 303 /2/2009)
- Grundrechte, 305 (4/2009), S. 56
- Vereinte Nationen, 310 (1/2011), S. 19, 25, 28

Statistiken der UNHCR


By end 2010, there were 43.7 million forcibly
displaced people worldwide, the highest number in
15 years. Of these, 15.4 million were refugees:
10.55 million under UNHCR’s mandate and
4.82 million Palestinian refugees registered with
UNRWA. The overall figure also includes
837,500 asylum-seekers and 27.5 million internally
displaced persons (IDPs)

"Dort drüben ist Afrika"











Verwirrte Venus 

oder Himmels-Wissenschaft als Selbstversuch



Erwache in Morgenstarre, feuchter Musenkuss, wo auf meinem schweren Schlafleib, wo? Erweckt und auf eine ziemlich kreisrunde Umlaufbahn geschossen (wer wagt es, an meiner Bahn herumzubiegen?).
Neigungswinkel gering, Exzentrik gering (was heißt das?). Oberfläche flach, dunkel (maximal 5000 Lux), rotglühend, heiß. Leichte Brise, keine Jahreszeiten. Terrestrisch, Kruste vorhanden. Vulkane mit Windfahnen. Crèmefarbene Wolkenschicht über Atmosphäre. Gasozean.
Erde, hallo Erde, bitte kommen…!
Befund: Auf einmal bin ich retrograd, andersherum. So reist die Sonne an meinem Himmel von West nach Ost statt von Ost nach West; außerdem bin ich nun trabantenlos. Fahler, kraterüberzogener Mond, bin ich Dich los! (Sagt man so etwas zu einem so treuen, langjährigen Begleiter?) (Die Wahrheit ist, unsere Liaison war Schicksal, weiter nichts, wir konnten nichts für uns und unsere ewige Umkreisung). (Aber was, Muse, ist Schicksal? Und was ist schon ewig? Ist die Zeit nicht relativ?)(Ist die Ewigkeit endlich oder endlos? Gibt es die Unendlichkeit? Ist sie denkbar, vorstellbar oder berechenbar?) (Was, Muse, ist wahr von alledem?)
Sage mir, Erde, Muse meiner Nacht und meines Morgens: Sprich an meinem Himmel mit Kohlendioxid-Atmosphäre, Vulkanwindschwefelsäurewolkendecke und Superrotation, erzeugt mittels Energie durch Sonnenstrahlenabsorption in meiner Wolkenoberschicht – sechzig Mal schneller dreht sie sich um mich, als ich mich um mich selbst drehen kann! Ich bin, terrestrische Musenschwester mit Weltozeanadern, der Sonne näher - bin also heliozentrischer als Du. Du aber drehst Dich schneller um Dich selbst. 117 Erdtage sind ein Venustag, höre ich es, Muse, flüstern im All. Doch sind wir nicht alle egozentrisch? Und was macht das schon aus?
Heiß bin ich, Schwester, vierhundert Grade heißer als Du. Von meiner ziemlich hermetischen Schwefelwolkendecke werden die meisten Sonnenstrahlen zurückgeworfen; strahlend hell leuchte ich an Deinem Morgen- und Abendhimmel. Deine Seeleute, Hirten und Königinnen nennen mich Aphrodite; die Göttin der Liebe soll ich sein. Oder Lucifer, gefallener Engel. Besser fallen als auf Deinen Scheiterhaufen brennen, denke ich, mit Grausen auf die Geschichte Deiner von Machthunger und Selbstherrlichkeit geprägten Lebewesen schielend. 
Mein Wander-Rhythmus, meine Regel, unser Akt, steht als Zeichen in den Himmel geschrieben: Alle acht Jahre entsteht ein Pentagramm durch meine „untere Konjunktion“ genannte Stellung genau zwischen Dir, Erde, und unserer großen und allergrößten Schwester, Zentralfeuer Sonne. Befinden sich unsere Bahnen, und die meine ist gegen die Deine geneigt, einmal auf gleicher Ebene, ein Knotenpunkt auf der Ekliptik, kommt es zum Durchgang, auch Transit oder Passage genannt. Dies geschieht im Wechsel genau alle acht und dann ungefähr alle hundert Jahre. Dein Volk kann mich dann sechs Stunden lang als schwarzen Punkt, als Zentralfeuer-Pupille, durch das glühende Sonnenauge wandern sehen. Und wenn sich keine Wolken zwischen Dich und mich schieben, dann können Deine Astronomen aus den Zeichnungen den Abstand zwischen Dir und der Sonne errechnen, Astronomische Einheit genannt, kurz AE. Und wenn wir zwei, Schwester Erde und ich, Venus, uns alle paar hundert Jahre einmal näher kommen, sind wir nur noch 0,26413854 AE voneinander entfernt. Komm mir bitte nicht noch näher!
Flüstere mir, Muse, Erinnerung! Da kommen sie, schwankende Gestalten, hell und dunkel, meine Erinnerungen. Schleichen heran, kriechen aus meinen Canyons und entsteigen meinen Lavagräben.
Die jüngsten von ihnen wissen zu berichten, dass Du mir einen Orbiter gesandt hast, eine Art gynäkologisches Instrument mit Eintauchsonde. Bakteriengroße Partikel hat er meiner Atmosphäre entnommen (das war eine Zwangsuntersuchung; ich wurde nicht gefragt). Anwesende und abwesende Gase habe die Sonde gemessen, und so kam es zu der Vermutung: Möglicherweise gibt es LEBEN auf  der Venus! Sage mir, Muse: Was meint Ihr? Was ist das Leben für ein Leben?
Erzähl mir, Muse, erklär mir Erde! Sprich von der Poesie, der Magie, der Philosophie, den Naturwissenschaften. Von Weisheit und Wahrheit. Wer hat Vorrang, wer hat Recht, sagst Du? Zähle Deine Schwestern, Muse, und fange von vorne an. Spinne ein Garn mit den Nonen und wickle die Deinen darin ein wie in einen Cocon: Hirten, Seeleute und Königinnen. Mich aber lasse infrarot und schwefelsauer auf meiner kreisrunden Bahn und störe gefälligst meine Kreise nicht! Vor allem die Gynäkologen lass bei Dir Zuhause, astronomisch weit von mir entfernt.
Sie haben mein Geschlecht bestimmt, „weiblich“ sagen sie, ohne Chromosomen-Befund, und meinen Körper haben sie in Landschaften eingeteilt und diese benannt. Aphrodite hat die Form eines Skorpions und schlingt sich um etwa ein Drittel meines Hüftumfangs (der dem Deinen gleicht). Auf Ishtar stehen hohe Berge, männlich, aufrecht und faltig wie Deine höchsten Berge. Meine Vulkane sehen aus wie weibliche Brüste. Sie heißen pancakedome oder ticks, also Zecken. Wie feige! Sagt’s doch gleich: Sie sehen aus wie tits. In meinen Tiefen gibt es mosaikförmige Würfelländer, die Tesserae heißen. Eine Besonderheit wie die Kronen, Coronae, die durch einige der 963 ziemlich gleichmäßig über meinen Leib verteilten Einschlaglöcher entstanden.
Einer dieser Einschläge hat mir offensichtlich ein ganz schönes Trauma verpasst. Manche Deiner Venus-Psychologen behaupten, seitdem sei ich retrograd, drehe mich also andersherum, wie sonst unter den Planeten nur noch Uranus und der Zwerg Pluto, der sich ja nicht einmal mehr Planet nennen darf. (Ist er nun exkommuniziert oder staatenlos?)
Aber ehrlich gesagt, was macht es schon aus, ob die Sonne von Ost nach West oder andersherum reist?
Weitere posttraumatische Symptome könnten der GNW, der geringe Neigungswinkel zur Erde sein, der für das Fehlen von Jahreszeiten verantwortlich ist, oder, oder… die hermetische Wolkendecke, mit der ich mich abschotte gegen den Einfall von Sonne und Licht - das aber ist verständlich und auch nicht bedenklich: Es wäre ja sonst noch viel heißer auf mir als es schon ist. Ich bin eben etwas nah an der Sonne gebaut.
Oder aber mein Druck von 92 bar. Wenn Du mich streicheln willst, oder wenn einer Deiner Orbiter oder Wissenschaftler, Astronauten, Seeleute, Hirten oder Königinnen mich berühren will, dann ist es, als wären sie über neunhundert Meter unter dem Meeresspiegel. Da stimmt doch was nicht mit mir! Ich leide eindeutig unter einer Dauerdepression.
Und dann ist da die Sache mit Merkur. Die Venus-Psychologen nennen es posttraumatisches Retrogradationssymptom, ich nenne es terrestrische Gerüchteküche. Merkur, so heißt es, sei einmal ein Teil von mir gewesen, wie der Mond ein Teil der Erde gewesen sein soll. Durch Einschlag sei er abgesplittert und in meiner Umlaufbahn als Trabant gelandet. Soweit ist es ja auch die Geschichte von Erde und Mond. Durch einen weiteren, besonders gewalttätigen Einschlag sei Merkur dann aber aus meiner Bahn geflogen, oder, das ist die andere Theorie, habe sich möglicherweise wieder mit mir vereinigt. Könnte also Erde und Mond auch noch bevorstehen. Die Spuren der Vereinigung, falls es so war, sind durch Lavaströme verwischt. Geht auch niemanden etwas an, sage ich. Schließlich will ich als Liebesgöttin auch meine Geheimnisse haben.
Lass uns also feststellen, Muse Erde: Du kannst mich nicht betreten, ich bin Dir zu heiß. Du kannst mich nicht aushalten, ich habe einen zu hohen Druck. Du magst mich nicht riechen, kriegst keine Luft, das Kohlendioxid erstickt Dich, und Schwefelsäureregen ist nichts für Deine empfindliche Haut. Du kannst mich nicht einmal sehen, mein dunkles, schönes Infrarot. Warum willst Du mich kartografieren und vermessen? Wozu erforschen?
Höre, Muse Erde: Nimm Deine Orbiter, Wissenschaftler, Seeleute, Hirten und Königinnen und verschwinde! Schicke sie alle auf eine Odyssee und lasse sie in Ziegen, Schweine und Schafe verwandeln. Diesmal aber richtig! Lass die Sirenen singen und nicht versagen; schicke einen intelligenteren Zyklopen! Lass das Pack dieses Mal nicht entkommen!
Sage Ihnen, Muse, ich bin nicht codierbar, ungefragt vermessbar und benennbar. Meine Geheimnisse heißen nicht Freya, Lucifer oder Aphrodite. Ich trage auch keinen Handspiegel.
Und ansonsten Muse, macht, was Ihr wollt! Verbrennt Euch auf Scheiterhaufen, schändet Euren Planeten und besingt ferne Körper im All. Fahrt zur See, durchquert Wüsten und den Himmel und klettert über all Eure Berge! Ich aber bin gerne allein auf meiner Bahn, infrarot, trabantenlos und retrograd. Ich bitte Dich, Muse, geht!

Wieder Erwachen. Zahlen mit vielen Stellen nach dem Komma auf meine Stirn gefroren.
Kalt ist es hier, grell, und die Sonne geht schon wieder irgendwie anders auf. Fortgeschrittene Fremdheit, eine Heimsuchung, ein Befall. Mein Morgenleib von Monadenschwärmen überzogen, Schweißelixier. Tröpfchen. Tröpfchen. Tröpfchen. In seltsamen Bahnen kreisen meine Gedanken. Unberechenbar. Substanziell, essentiell, mit wachsender Exzentrität. Wesentlich, belanglos und fern. Näher als alles.
Sage mir, Venus…


August 2012, Lesung zur Eröffnung des Atelier transit 66, 18. August, Atelierhaus Paulusstr. 17, Bonn-Beuel
 Als Duo "Holunder" mit Sounds und Live-Elekrtonik von Dorothée Hahne


Holunder



Odem


“... Der Dir den Odem nehmen kann... und Du wirst zu Staub”, singen die byzantinischen Mönche in ihrem dunklen, spärlich von Kerzen erleuchteten, goldglänzenden, holzriechenden, weihrauchduftenden Kirchenraum bei der Abend-Vesper. Sie küssen ihre Heiligenbilder, verneigen sich, berühren den Boden, bekreuzigen sich, nehmen ihre schwarzen Hüte ab, setzen sie wieder auf. Öffnen und schließen Türen, schwenken Weihrauch. Klingeln, läuten, murmeln, sprechen. Ihre Gewänder fliegen um sie herum, dann ruhen sie wieder. Sprache und Klänge ziehen wie in einem Strom durch die fünf Mönche hindurch. Jeder hat eine Stimme, die für eine bestimmte Sprache gemacht scheint. Ihre Stimmen winden sich ineinander wie Schnüre. Ein Tanz von Winden, auf denen Worte reiten. Schöpfungs-Poesie, Dogmen, Bilder von Zerstörung und Macht, Anbetung, Klage und Verehrung eines allmächtigen Gottes schlingen sich ineinander. Eine intime Männergemeinschaft, verschworen, unheimlich, erhaben, bedrohlich, schützend, segnend, brüderlich, fremd.
Ich bin im Kirchenraum als Gast. Als Frau, als feindliches Geschlecht. Als Ungläubige, als Fremde, als Schwester, als Spirituelle. Ich höre und schaue zu. Weihrauch füllt meinen Odem.

Das Dorf, das um die weit über tausendjährige Benediktinerabtei Niederaltaich gewachsen ist, duftet nach Wegen, Wiesen und Obstbäumen. Gott hat dieses Dorf eigenhändig gepflanzt und die Menschen dazu. Die Menschen, die mit diesem Dorf gewachsen sind, wurden von Gott reich beschenkt.
“Wir sind gottesfürchtig und trinkfest”, sagt der Wirt des Gasthofs Bräustüberl im Klosterhof. Und reich. Niederalteich ist ein reiches Dorf. Das Geld ist so tief unter den Wurzeln der Häuser vergraben, dass es nicht mehr riecht.
Frevler sind hier nicht zuhause. Die Gottesfürchtigen bewahren und achten, was Gott ihnen schenkte. Sie waschen und fegen und rechen und pflegen Haus, Hof, Garten und Wege. Es ist so sauber und rein, dass kein Frevel irgendwo noch sein kann.
Aus voller Kehle grüßen die Dorfleute: “Grüß Gott!”

Jemand hat in den Himmel gemalt: lange, wehende Haare und eine Angel. Weiße Wolkenzuckerberge, in denen meine Gedanken gefangen sind.
Ich schwimme eine lange Bahn im Freibad des Nachbardorfes Hengersberg und schaue in den Himmel. Halte meinen Atem fest. Wenn ihn diese Angel erwischt und dorthin in die Wolken zieht, ist mein wertvoller Odem da oben; mein Körper aber wird an den Grund des Schwimmbeckens sinken und von tanzenden Sonnenflecken bedeckt werden.
Jede Rettung käme zu spät, selbst wenn der Bademeister, der den ganzen Tag die Schwimmbecken mit den Alten, den Kindern, den Männern und Frauen bewacht, sofort reagierte und erste Hilfe leistete.
Gott hat meinen Odem genommen aus einer Gotteslaune. Die Mönche verbeugen sich und berühren die Erde. Zünden eine Kerze an. Ihre langen Gewänder schwingen, rauschen wie Flügel. Mein Odem, liebe Brüder, ist nun in Eurem Flügelschlag.
Doch es war nicht Euer Gott, vor dem sich das Dorf und die Gemeinschaft der heiligen Brüder fürchten. Er saß nicht an der Angel und raubte meinen Odem.
Es war mein Freund, ein Geist, der erst seit kurzem da oben sitzt und Wolkentürme baut.
Auch ein Maler ist bei ihm; der ist spezialisiert auf dieses Wolkenhaar. Er hat dafür eine eigene Technik entwickelt. Doch sein besonderes Wolkenhaar gelingt ihm nur bei einem bestimmten blauen Himmel.
Mein Freund, der noch nicht so lange da ist, baut erst einmal Wolkentürme.
Er baut drauflos, improvisiert, bläst diese aufgestiegenen Odems zusammen, das kann er, er hat sein halbes Leben lang Flöte gespielt, und türmt sie zu Wolkenzuckerwatten und tollen Formationen auf. Dann gibt ihm jemand, ein Anderer da oben, eine Angel und sagt: “Probier doch mal!”
Mein Freund sieht mich, erkennt mich. Ich weiß es, denn nun, da er sein Leben verlassen hat, aufgestiegen ist in den großen blauen Himmel über dem Hengersberger Freibad, ist er mir näher, als er es im Leben war. Sein Leben war ein Dämmstoff, ein Mantel um seine Unruhe.
Die hat er nun hier gelassen, als Boten.
Ich kenne diese Unruhe als meine eigene. Sie hat dieselbe Frequenz. Doch ich öffne den Mantel Leben nicht. Halte ihn fest um mich geschlungen und an meinen Leib gepresst.

Ich bin im Freibad Hengersberg. Treibe auf dem Rücken im klaren Wasser des Schwimmbeckens. Mit dem Gesicht gen Himmel, schwimme, bewege ich mich durchs Wasser, Atemzug für Atemzug.
Ich will mich entspannen, ausruhen... Ich habe geweint bei Deiner Beerdigung! Die Schleimhäute in meinem Gesicht waren dick angeschwollen. Urnenasche, Vogelschreie, ein kleines Loch im Waldboden. Sonne, Wind und Regen fielen durchs Laub. Murmeln rollten kreuz und quer durch meinen Atem und brachten ihn durcheinander. 
Nun schwebt diese Angel über mir. Etwas hat mich verstrickt, als ob sich die Angelschnur um mich gewunden, mich gebunden, mich verbunden hat. Ich schaue immerzu in den Himmel; auch, als ich mich umdrehe, brustschwimme, tauche und an den Beckengrund sehe, wo sich mein Schatten bewegt wie ein Geist. Dort tanzt der Himmel weiter. Die Wolken schwimmen oben, die Sonne spielt hier unten am Grund. Mystische Klänge dringen in meine Ohren, ziehen durch mich hindurch, Unterwasserflöten. Über Wasser, am Beckenrand, höre ich beruhigendes Plätschern.
Doch da oben sind die Angler: sie führen die schwimmenden Menschen an Angeln und lauschen ihrem Odem, ob sie ihn haben wollen.
Der Wolkenmaler ist im Rausch. Er braucht Odem, Odem, sonst kann er nicht mehr malen. Und mein Freund, der Flötenspieler und Wolkenbauer bietet ihm seine Hilfe an. “Ich kenne da Eine...”
Es zieht in meinen Waden; meine Atemzüge verlassen ihre Bahnen, sie senken sich, sie sinken zu den Sonnenmurmeln am Beckengrund. In meinem Kopf schwirrt und sirrt es, meine Ohren hören viel zu viel, Schwimmerodem, eine byzantinische Liturgie, Quarten und Quinten, Halb-, Sechzehntel- und Achteltöne. Ich werde am Nacken gepackt, nach vorne gezogen, hinunter, hinauf. Meine Extremitäten sind eiskalt.
Erschöpft sitze ich am Beckenrand. Eine alte Frau zeigt aus dem Becken heraus auf die blauen Liegestühle.
“Sie können sich jederzeit dort hinlegen”, ruft sie mir zu.
Ist sie eine gottesfürchtige Dorfbewohnerin? Oder ist sie eine Verbündete des Anglers?

Durch die Wiesen und Felder, immer mit Ausblick auf Kirchen und Berge, radle ich zurück von Hengersberg nach Niederalteich, zurück in mein reiches, duftendes, gottesfürchtiges Dorf. Runde Kirchtürme kullern wie Murmeln durch mein Gesichtsfeld.

Lieber Gott! Herrscher! Strafender! Gerechter, Barmherziger! Eine Schar Angler, Maler und Wolkenbauer ist bei Dir im Himmel, Dir zu Diensten. Sich selbst bei Laune haltend, holen sie Dir jeden Odem. Und wir sinken an den Grund und zerfallen zu Staub.

Niederaltaich, Juni 2012



Bonn Protokoll


14:45 h, Sonne im Hof, Gerumpel aus dem ersten Stock, Putzeimer ärgert Staubwedel, laute Unzufriedenheit, Seufzer, hier unten kalte Füße. Ein Vogel fliegt aus meinem Kopf: los.

Erste Etappe: Füße warmlaufen (heute Turnschuhe statt Stiefel). Schal umwickeln, Strumpfhose unterm Rock hochziehen, Mütze auf: raus zum 1. April.
In der Altstadt platzen die Kirschblüten auf, weiß und rosa, rot.
Die LINKE plakatiert zum 1. Mai, gegen Hungerlöhne und Leiharbeit, die Metzgerei preist Zigeunerschnitzel und Butterreis. Heute ist Sonntag, in der Bäckerei wird gefegt.
Die Kuchen sind schon aus der Theke geräumt.
Nachmittag, kalt, aber sonnig. Sonne strahlt durch das Grün starker Bäume, Kinder spielen, Jugendliche spielen, alte Männer stehen am Offenen Bücherschrank der Bürgerstiftung Bonn, „Sommer der Lügen“ im Kinderfach. Ein Handy klingelt.
Sonne im Gesicht, Butter im Bauch, Fische in der Luft.
Ich protokolliere.
Tabakgeruch zieht durch die frische Luft: Reisegeruch, Jugend.
Mütter, Väter, Männer, Jungs, Mädchen, Schnuller, Lolli, Ball.
Saunazentrum Wonneberger, ich habe noch einen Gutschein.
Fassaden, Gesichter. Spinnengewebte Geschichten.
Frau Holles Kaffeeroller ein roter Fleck am Platz.
Von hier aus weiter, ich habe ein Ziel.

Im Schulhof der Marienschule wurden Apfelbäume gepflanzt, verschiedene Sorten.
Auf dem Dach weht die Europafahne. Wie viele Sterne?
Blütenknospen, kurz vorm Aufplatzen. Kirschbäume säumen die Straßen, verschiedene Sorten. Ein Problemgespräch hinter dem Schulhofmäuerchen. Fetzen. „Schade, wie schade“.
Kinderrollerrattern.
Apfelsorten: Freiherr von Berlepsch, auch Goldrenette Freiherr von Berlepsch oder Hohenzollernapfel genannt, Rote Sternrenette, Ingrid Marie und Kaiser Wilhelm.
Der hat hier in Bonn studiert. Ob er als Apfel schmeckt?
Ich fasse zusammen: Muße trifft Sorge trifft Spiel trifft Muskelverspannung. Weiter.

15:30 h, Stadthaus. Jugendliche rauchen Gras auf der Betonterasse, hässliche Plattform, darunter das Gedächtnis der Stadt, bedroht von Wasserschäden. Ich rieche: Zigarre, Zigarette. Ich höre: Polnisch, Türkisch, eine afrikanische Sprache. Polnisch in der Türkei, das Stadthaus in Warschau in Bonn.
Auf dem Weg zum Bahnhof, nichts. Alles fällt durch meine Maschen, bleibt in den Filtern hängen. Teure Schokolade, billiger Ramsch. Hochbunker, Efeugewächse, Kaufhäuser. Hier und da ein neues Schild, hier und da ein altes. Uninteressant.

Bahnhof, Bahnhof. Hier laufen Wahrnehmungen zusammen. Fahle Lichtstrahlen und Laserstrahlen. Tiefes nordisches Licht und heißes, hohes Südlicht. Dottergelbes und türkises Licht. Vieles, sehr vieles.
Postkartenkauf, Premiere im Bonner Bahnhof. Die Verkäuferin packt mir die Postkarten ein, lächelnd und sorgfältig wie ein Geschenk, außer: Tesafilm kreuz und quer. Sie lächelt bei der Übergabe noch mehr. Stolze Verkäuferin, so viele Postkarten!
Ich merke mir: an der Kasse Philosophie-Zeitschrift, neu. Titel: Hohe Luft. Themen: Masterplan fürs Glück, Der Tod als Philosoph, Leibniz versus Spinoza. Acht Euro.
Daneben das Playboy-Häschen auf dem BIC-Feuerzeug für Ein Euro Siebzig.
Eine weiße Taube mit schwarzen Farbspritzern auf den Federn in der Bahnhofshalle: Straciatella-Taube.
Ich sitze am Ende des Bahnsteigs an Gleis 1 in der Sonne. Warte weder auf Ankunft noch auf Abfahrt irgendeines Zuges. Zwei Jugendliche setzen sich hinter mich auf die Bank, Rücken an Rücken mit mir. Unzufriedenheit, schon wieder. Bettina, Bettina! Julia, Valentino, hinten und vorne stimmt das alles nicht, eiskalte Lügen und jetzt: gerechte Verarsche, aber volle Kanne. Bettina ist schuld. Das hat sie verdient.
Ein ICE mit blindem Gesicht bremst auf Gleis 2. Hässliches Geräusch.

15:55 h, verlasse den Bahnhof. Am hellblauen Frühlingshimmel rundet sich ein weißer Mond. Trächtige Magnolienbäume und leuchtende Forsythiensträucher, Stiefmütterchen in allen Farben. Die Menschen dehnen sich aus auf Plätzen und drängen sich zusammen in Cafés. Eiszeit.

Weiter an den Rhein. Rheinlogen, Theater, Handke, Kaspar, alles auf Schildern. Ein Zelt am Rheinufer. Ein Riesenrad am anderen Ufer. Weg vom Rhein, die Straße hoch, weiter, nach oben. Meine Wohnsiedlung liegt ganz einsam da. Fühle mich von Spielplätzen angezogen, doch nur kurz. Weiter, weiter, das Laufen mit warmen Füßen genießen und die Sonne, das Glück wie einen Lichtfleck an diesem Sonntag, der 01. April heißt.

Ende des Rundgangs: 16:42 h. 


Neumond Streetview II, 01. April 2012







Horizont
Ich schaue in den makellos blauen Himmel über einem weißen Dorf. Keine Menschenseele ist zu sehen weit und breit. Das Meer rauscht in die Stille hinein. Mein Blick streift über den Horizont, eine Katze auf weichen Pfoten. Die Fläche hinter dem Dorf bis zum Horizont ist mit Meer angefüllt. Blau an Blau liegen Meer und Himmel wie Bruder und Schwester aneinander. Oder wie Liebende, aneinandergeschmiegt, nah, vertraut. 
Er ist gefahren, den ich liebe. Dahinten, hinter den weißen Häusern fährt er nun. Er ist in eine menschenleere Fläche gefahren. Die Landschaft hat ihn verschluckt. 
Meine Gedanken heften sich an den Horizont. Sie balancieren auf dem Horizontstreifen wie Tänzerinnen. Der Horizont ist ein Seil, gespannt zwischen Brüdern, Schwestern, Liebenden. 
Neue Gedanken balancieren mit, kleine Eleven. Aufgepasst! Keine falle herunter in die menschenleere Fläche, die Landschaft, die Leere, das Blau. Alles verschwindet darin. 
Am Horizont sind nun Abschiede herangetanzt. Sie haben sich aufgereiht. Gute Abschiede und schlechte Abschiede. Trennung.
Ein Finger legt sich auf einen Riss in mir. Die Lippen öffnen sich einen Spalt unter dem Finger und flüstern: Psssst!
Er ist gefahren, den ich liebe.
Ich höre Musik. Meine Augen tanzen auf dem Meer mit den winzig weißen Schaumkrönchen, ganz weit draußen. 
Ich bade in Musik. Miles Davis, Trompete. Kind of Blue; ich schwinge hin und her im leichten Wind.
Wie nah wir uns waren, wie vertraut. Wie schön das Gefühl, die Zeit, wie weh der Abschied…
Er ist gefahren, den ich liebe. 

Untergang

Die Kamera aufgebaut. Auf das Stativ geschraubt steht sie vor diesem Felsbogen, durch den man aufs Meer mit der untergehende Sonne schauen kann. Er ist nicht besonders hoch; um hindurchzugehen, muss man sich bücken.
Am Kameragehäuse blinkt der rote Punkt; die Aufnahme läuft. Der Felsbogen schwarz auf dem Display, die Sonne erst weiß, dann gelb. Erst kurz bevor sie versinkt, wird sie rotorange leuchten und ihre Strahlen über dem Horizont versprühen. Ich sitze vor der Kamera im feuchten Sand, ein Fläschchen Portwein neben mir, und beobachte den Sonnenuntergang und das Display meiner Kamera. Ab und zu gehen Menschen vorbei; ihre Silhouetten zeichnen sich hinter dem Bogen dunkel gegen das Licht ab.
Ich bemerke eine Frau, die den Strand entlang geht, besonders unruhig zu sein scheint, immer wieder stehen bleibt, sich umsieht, wie durch einen Ruck wieder bewegt wird und so langsam, aber stetig auf mich zukommt. Sie hält eine Kamera vor sich her, jetzt kann ich es erkennen, und macht offensichtlich immer wieder ein Foto. Sie scheint von einem besonderen Ehrgeiz oder Drang angetrieben zu sein, diesen Sonnenuntergang am Meer auf besonders kunstvolle oder eindrucksvolle, jedenfalls besondere Art und Weise festzuhalten.
Nun hat sie mich entdeckt und wohl auch meine Kamera vor mir auf dem Stativ. Zielstrebig, ja fast eilig, kommt die Frau auf mich zu und bleibt hinter mir stehen.
Ich erwarte das „Klick“ ihrer Kamera und dann ihre Schritte, sich entfernend. Stattdessen höre ich ihren Atem, ein Schnaufen, ja ein Schnauben in meinem Nacken. Ich höre, spüre unruhige Körperbewegungen; das macht mich etwas nervös. Sie scheint von einem Bein aufs andere zu treten, trippelt in kleinen Schritten vor und zurück und schnaubt, schnauft, schnaubt.
Ich beschließe mich nicht zu rühren und einfach zu warten, bis sie fort ist. Wie ein Hund, der an einem herumschnüffelt und irgendwann genug hat, wird auch die beflissene Fotografin bald ihren Finger an den Auslöser legen und herunterdrücken, rechts von mir, links von mir, Hauptsache hinter mir und nicht vor mir in meinem Bild - und dann weitergehen, den langen Sandstrand entlang. Doch ich irre mich. Die Dame weicht nicht. Ich beginne zu begreifen, dass sie ein bestimmtes Ziel verfolgt und nicht eher ruhen wird, bis sie dieses Ziel erreicht hat, nämlich diesen phantastischen Sonnenuntergang an der phantastischsten Stelle des ganzen Strandes, ja wahrscheinlich der ganzen Küste, zu fotografieren. Und an genau dieser Stelle steht meine Kamera auf einem Stativ, blinkt unablässig rot; und ich sitze davor und bewache sie wie den heiligen Gral für fotohungrige Touristen.

Die Fotografin hat wirklich bald genug. Ihre Geduld mit mir und meinem ignoranten, egoistischen Verhalten ist jetzt sehr bald am Ende. Ich mache nicht die geringsten Anstalten, ihr den Platz auch nur für einen Moment zu überlassen… Ja, habe ich den Strand denn gemietet oder gekauft? Kann der Strand, wie auch der Sonnenuntergang selbst, einer Person gehören? Ist es nicht ungeheuerlich, sich so zu verhalten, so aufzuführen, als besitze man die Natur, und letztendlich gehört dieser Strand, wenn überhaupt jemandem, dann nicht dem Land, der Gemeinde oder dem Hotel, sondern der Natur! Oder Gott, meinetwegen. Ich aber tue doch geradezu so, als habe ich ein natürliches Recht auf den von mir besetzten Platz am Strand. Ich lasse sie auf einem Sonnenuntergangsplatz zweiter Klasse stehen, obwohl sie sich dezent, aber doch deutlich bemerkbar machte. Das kann ich nicht überhört haben! Sie hat versucht, mir ihre Absichten rücksichtsvoll zu vermitteln, und ja, sie kann auch anders, aber das mit Sicherheit, aber hallo. Und der Sonnenuntergang wartet nicht, bis ich mich einmal herablasse, ein wenig Rücksicht zu nehmen. Und, Entschuldigung, sie kann auch nicht warten, bis die Sonne untergegangen ist, das ist ja wohl selbstredend. 
Der sich schon ins Rot-Orange verfärbende Ball sinkt gnadenlos, und ich rühre mich nicht, tue so, als sei ich allein auf der Welt mit meiner rot blinkenden Kamera auf dem Stativ. Darauf bilde ich mir wohl noch extra etwas ein. Ich meine wohl, dieses sicherlich teure Stativ verschaffe mir noch ein zusätzliches Recht… Sie aber kann ich mit so einem Gehabe nicht beeindrucken!

Der Strand und die Küste haben sich zusammengezogen auf diesen Flecken am Meer. Hier, und nur hier, findet der Sonnenuntergang des fünften Februar Zweitausendzwölf statt. Meine Kamera zeichnet Bild und Ton auf.

Bild: Die Sonne geht hinter einem schwarzen Felsbogen unter, verfärbt sich von weiß über gelb bis rot-orange, sinkt. Die Silhouette einer Person mit Flasche tanzt am Strand entlang, zwischen Felsbogen und Sonnenuntergang; die Sonne sinkt weiter. Sie wird von einer Wolke durchwandert, berührt den Horizont, schießt ihre Strahlen über die Horizontlinie und versinkt schließlich im Meer. Es wird dunkel.

Währenddessen, Ich: Gedanken: Es hilft alles nichts. Wenn ich sie los sein - und nicht mit ihr diskutieren will, gebe ich ihr besser nach. Ich gehe jetzt einfach dahinten an einen Felsen und überlasse ihr das Feld - ganz in Ruhe soll sie tun, was sie tun muss. Danach wird sie gehen. Ich widme mich solange dem Portwein. Prost!

Na also… Jetzt aber: ciao, ciao. Die schmeißt ja wirklich fast meine Kamera um!
Was macht sie denn jetzt noch? Warum geht sie denn nicht? Sie hält ihre Kamera vor mein Display… Will sie mein Display fotografieren?

Aha, also gut…
Also, wenn das jetzt eine Rache sein soll… Einen ordentlichen Schluck Portwein darauf. Prost!
Alte, mach Dich vom Acker!
Ich finde, es reicht jetzt! Gleich zieh ich dir eins mit der Flasche über… So, und jetzt gehe ich zum Wasser hinunter und tanze am Strand entlang, durch mein Bild hindurch. Den Portwein nehme ich mit.

Sie ist immer noch da, sie will und will nicht weichen. Geduld, Geduld, Prost!

Endlich, endlich! Puh! Zurück zur Kamera! Die Alte ist weg, die Sonne geht unter, Jipiiie!

Tonaufzeichnungen der Kamera: „Darf ich bitte auch mal? Dahin? Ich meine dahin, wo Sie sind? Ich meine dahin, wo man die Sonne sieht?“
“Aber bitte.“
Schritte, Rascheln
KLICK
Schnaub! Schnauf, schnauf
Meeresrauschen
Rascheln
KLICK
Meeresrauschen
Schnauf, schnauf
Meeresrauschen
“Ahhh!“
Meeresrauschen
“Ach!“
Rauschen, Meer, Schnauf, KLICK
Rauschen, „Ah!“, Rauschen, Rascheln, KLICK, KLICK, Schnauf-Schnaub…
Rascheln, Schnauf, Rauschen, „Ach!“
„Oh Gott, oh Gott!“
Rascheln, Meeresrauschen
„Eine Wolke!“
“Oh Gott!“
“Eine Wolke!“
(Diverse Wiederholungen von „oh Gott“ und „eine Wolke“, dazwischen Schnauben, Meeresrauschen und Rascheln. Keine weiteren KLICKs.)
Rascheln, Schritte
Meeresrauschen
Rauschen
Schritte
Rascheln
Seufz!
Meeresrauschen, Rauschen, Rauschen, Rauschen, Rauschen, Rauschen…..


Portugal, Februar 2012


Ränder

Erwachen in einem dunklen Raum. Der kleine Kerzenschein stört, denn die Dunkelheit ist schön; sie hat hell schimmernde Ränder.
Die Dunkelheit ist Geborgenheit, die hellen Ränder sind Besänftigung.
Es ist Morgen, um mich herum ist behagliche Wärme. Kaminofen-Restwärme. Über meinem Kopf knarrt eine Diele und macht mich auf die Stille ringsum aufmerksam.
Ich koche Wasser, streue ein paar schwarze, duftende Körner in eine dünnwandige Tasse mit Goldrand, gieße das Wasser auf die Körner in die Tasse. Ich denke das magische Wort „Kaffee“ und führe die Tasse zum Mund. Ich trinke einen heißen Schluck.
Ich genieße den dunklen Morgen mit heißem Kaffee darin. Der Morgen hat einen hellen Rand, der Kaffee einen goldenen.

Januar 2012


Die Taube beim Vollkornbäcker

Sie sieht ein wenig aus wie eine Hexe. Wie so eine nette Hexe aus dem Kinderbuch. Sie hat lange, schwarze Haare, funkelnde Augen, eine gerade Nase, und die Oberzähne stoßen auf der Unterlippe auf. Ihre dünnen Beine stecken in engen Jeans. Darüber trägt sie einen weiten, schwarzen Pulli. Sie ist quirlig, wie man sich so eine Hexe aus dem Kinderbuch vorstellt. Keine Sekunde scheint sie still zu halten - saust hinter der Theke und im Laden hin und her und redet unentwegt: „Jawoll, drei Kürbiskernbrötchen und zwei Marzipancroissants…“, und dann macht sie einen Witz, ruft nach hinten in den Backraum:“… nicht wahr, Kuno?“, worauf eine dunkle Stimme zurückruft, und erzählt dann irgendetwas, weiter und immer drauflos. Ich sitze vor der Theke an einem der kleinen Tische, trinke meinen Cappuchino mit Zimt und lasse mich von der Vollkornbäcker-Hexe bestens unterhalten.
Viele hungrige Menschen stehen jetzt vor der Theke an, um Brötchen, Croissants und Brot zu kaufen.
Ein Kind drängelt sich an der Schlange vorbei, tritt an die Seite der Theke, so dass es mit dem nächsten Schritt gleich dahinter wäre und verlangt: „Keks“. Sofort ist die Hexe zur Stelle: „ Aber klar doch, Schätzelchen“, ruft sie, grinst zur Kundschaft herüber und drückt dem Kind einen Keks in die Hand, den sie in Windeseile irgendwo hervorgezaubert hat. Schon vorhin ist mir eine Zeichnung an der Wand hinter der Theke aufgefallen: „Keksbäcker“, steht in großer Kinderschrift von bunten Strichen umrahmt in der Mitte des Blattes.

Auf einmal, mitten im vollen Betrieb, zieht etwas die Aufmerksamkeit der Kunden auf sich: Das Etwas ist faustgroß und hüpft unbeholfen am Boden vor der Türöffnung herum. „Eine Taube“, ruft ein Kunde und zeigt auf den Vogel, der nun reglos mitten in der Vollkornbäckerei steht wie ein neuer Kunde. „Taube“, „Vogel“, „Wie ist der denn hereingekommen?“, “Ist die verletzt?“, höre ich es durcheinander rufen, murmeln und fragen.
Die Hexe kommt hinter der Ladentheke hervorgetrippelt. Vor dem ungebetenen Gast macht sie eine Vollbremsung. Sie schlägt die Hände vors Gesicht, und dann geht sie wie bei einer Gymnastikübung in die Knie, die sie dabei zusammenpresst. Sie spreizt die Hände vom Körper, ruckt mit dem Kopf nach vorne und stößt das folgende Wort zwischen weit  auseinandergezogenen Mundwinkeln wie einen Urlaut aus: „T A U B E“. Die Vollkornbäcker-Hexe schaut zu den auf Brötchen, Brot und Marzipancroissants wartenden Menschen - ruckt den Kopf nach rechts, ruckt den Kopf nach links, drückt ihre Oberzähne fest auf die Unterlippe, wobei sie mit funkelnden Augen zu lachen scheint. Dann wiederholt sie ihre Vorführung mehrfach, wobei sie den Ort ihrer Gymnastik durch hin- und herspringen ändert und jedes Mal dem Hauptwort neue Worte hinzufügt:


„Oh Gott, mein Gottchen, da ist eine T A U B E!“ „Oh, oh , oh, ausgerechnet eine T A U B E!“ „Was machen wir denn jetzt mit der T A U B E? Es ist ja eine T A U B E!“.
Das Wort T A U B E betont sie so außerordentlich, dass ich mir das faustgroße Wesen am Boden der Vollkornbäckerei nun als etwas Außerirdisches, ja Überirdisches, genau zwischen dämonischer Gefahr und göttlicher Verheißung vorstelle: Es steht da in der Mitte der Türöffnung wie ein Westernheld, der gerade einen Saloon betritt oder ein Deus Ex Machina, bevor das jüngste Gericht über die Menschen hereinbricht, und sein Name geht wie eine Beschwörung in der Mittagshitze auf die Menschheit nieder.
Die Hexe hüpft vor und zurück, und, nachdem sie ein paar mal die Hände über ihren Kopf geworfen und mit gebeugten, zusammengepressten Knien vor dem Gesicht zusammengeschlagen hat, ruft sie den Vollkornbäcker Kuno.

Er kommt aus den Tiefen der Vollkornbäckerei hervor und hat gleich einen Besen mitgebracht. „Taube“, sagt er fest, „eine Taube, ja, die kann natürlich nicht hier drinnen bleiben!“ Er hat dunkle, lebendige Augen, kurzes, starkes Haar und trägt trotz der schon kalten Witterung ein T-Shirt. Seine kräftigen Oberarme sind mit kreisförmigen Tätowierungen überzogen. Nun bewegt er mit diesen Armen einen Besen und versucht, die Taube aus dem Laden zu bugsieren.
Die Taube aber ist, einem Instinkt folgend, genau in die Richtung gehüpft, in die der Bäcker sie nicht haben wollte: Nämlich in die Ecke des Raumes hinter der Ladentür. Dort presst sie sich jetzt an die offene Tür und bewegt sich nicht mehr. Man könnte vermuten, dass sie ihr Gewicht ganz plötzlich vervielfacht hat. Grinsend dreht sich der Bäcker zu den Kunden um: Da kann man nichts machen.
Und seine Angestellte, die Vollkornbäcker-Hexe erzählt uns, dass diese Taube schon vor Tagen bei Baumarbeiten aus dem Baum direkt vor dieser Vollkornbäckerei gefallen sei. Die Baumarbeiter scherten sich offensichtlich einen Dreck darum, dass in einer Astgabel zwei junge Tauben saßen. Sie sägten den Ast ab, und fielen die beiden herab - die eine war sofort tot. Die andere Taube überlebte und versucht seitdem, mit gebrochenem Flügel weiterzuleben. Ihr Überlebensplan war, die Vollkornbäckerei zu erreichen und hereinzukommen.
Nun hat sie es geschafft! Sie ist drinnen, und natürlich will sie jetzt auf keinen Fall wieder nach draußen. „Eine T A U B E“, beginnt die Hexe nun wieder das Wort auf ihre einzigartige Weise herauszurufen: „Wenn es ein anderer Vogel wäre, ein seltener Vogel, einer, der unter Naturschutz steht, dann könnte man ihn vielleicht retten…Aber eine T A U B E!“
Eine Taube steht weiß Gott nicht unter Naturschutz. Eher ist sie ein ausgemachter Umweltfeind: Mit ihren weißen, säurehaltigen Exkrementen verschmutzt und zerstört sie ehrfurchtslos jedes Denkmal, egal ob Goethe, Lessing oder Schiller, und jedes noch so heilige Gebäude der Weltkultur.
Die Rede ist nicht von einer schneeweißen Friedenstaube, die mit einem hoffnungsgrünen Zweiglein im Schnabel Liebe, Frieden und Versöhnung mit Gott verspricht.
Nein, diese graue Taube gehört zu den unnützen, lästigen Stadttauben, die kacken, gurren, hacken und picken, rucken und zucken. Sie sind überall, sie sind viele, ja viel zu viele. Warum sollte man ausgerechnet eine solche T A U B E retten? Was aber sollte man denn tun?

Diese Frage steht jetzt im Ladenraum der Vollkornbäckerei. Mit ausgebreiteten Armen erklärt die Hexe der nun für das Schicksal der Taube mitverantwortlichen Kundschaft, dass man weder die Taube im Laden lassen könne, noch dem Tier etwas anhaben wolle - fühle doch ein Jeder mit einem schwer verletzten Wesen, das mit letzter Kraft schutzsuchend hereingekommen ist! Wer kann schon so herzlos und brutal sein und das Wesen dem sicheren Tod ausliefern, das ihn mit einem gebrochenen Flügel jenseits der Vollkornbäckerei erwartet! Doch es gibt eben schon so viele Tauben… Es gibt kein Gesetz, das die Tauben schützt; jetzt ist alleine Mitmenschlichkeit gefragt – auch wenn es nicht um einen Menschen, sondern um ein Tier geht! Aber auch, wenn die Hexe in diesem Fall den Besen unter gar keinen Umständen selbst schwingen kann, muss es jemand anders tun, der vielleicht nicht so mitfühlend ist, denn, und das sieht jeder ein, in der Vollkornbäckerei kann sie nicht bleiben!  Es ist eine
T A U B E!

Wir, die Kunden, stehen mit vor dieser Prüfung in Mitmenschlichkeit und Verantwortung.
„Was Du dem Geringsten unter meinen Brüdern und Schwestern angetan hast, das hast Du mir angetan“, klingen die Bibelworte aus meiner Erziehung herauf, wobei ich die Schwestern, von denen weder zu Zeiten der Bibelniederschrift noch zu denen meiner Erziehung die Rede war, emanzipiert hinzufüge. Das ist wohl das Problem, denke ich, betroffen auf meinen mit Zimt bestreuten Milchschaum niederschauend: Immer ist die Menschheit gespalten, immer gibt es die einen und die anderen; immer werden Menschen wegen Zugehörigkeit zu Rasse, Religion oder Geschlecht aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen. Als stünde da ein Wesen in der Türöffnung des Lebens: Für die einen ist es der Teufel in Person, für die anderen der liebe Gott. Als wäre jeder Moment des Lebens das jüngste Gericht: Hier macht das Wesen eine Faust, dort öffnet es milde und gebend die Hand. Jeder und jede von uns ist mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, wird hereingelassen und ausgeschlossen - und jeder und jede von uns lässt Mitmenschen selbst hinein und schließt andere aus.
Gerecht ist das Leben nie. Doch die Unterschiede in den Folgen der Ungerechtigkeiten und in der Schicksalshaftigkeit sind gravierend.

Jetzt steht hier eine Taube in der Tür - später, wenn ich mit der Straßenbahn zum Bahnhof fahre, werde ich Bettlern begegnen, die irgendwann bei Baumarbeiten von ihren Ästen gepurzelt sind und nun flugunfähig auf der Straße leben.  
Und wenn ich großes Pech habe, liegen bei meinem wohlverdienten Urlaub auf den Canaren afrikanische Flüchtlinge am Strand, wenn ich morgens baden gehen will… Nicht meine Schuld, aber meine Mitverantwortung, seufze ich tief in die Cappucchinotasse hinein. Ich mache keinen Urlaub auf den Canaren. Und die Taube in der Vollkornbäckerei überlasse ich heute ihrem Schicksal, denn ich muss nach dem Cappuchino zum Bahnhof, um meinen Zug zu bekommen.

Auch die anderen Kunden haben sich Gedanken gemacht. „Gibt es hier einen Tierarzt?“, fragt ein junger Mann in einem hellen, feinen Wollmantel. Schwachsinn, denke ich, der will doch wohl nicht mit der Taube zum Tierarzt?
„Ja, gleich hier um die Ecke“, antwortet da der Vollkornbäcker Kuno und weist mit dem Besen in die Richtung, die der junge Mann dann nehmen muss.
Die Freundin des jungen Mannes, eine Asiatin, spricht leise, aber eindringlich etwas in das Ohr ihres Freundes hinein. „Wir können ja zuerst frühstücken“, antwortet der Mann. Die Freundin schüttelt den Kopf und schaut verlegen in die Gesichter der anderen Kunden, die nun alle auf sie gerichtet sind.
Die Hexe ist begeistert: „Oh, oh, das wäre ja zuuuu nett!“, feuert sie den hilfsbereiten Mann an und nickt auch der Freundin aufmunternd zu. Das junge Paar hat sich nun praktisch schon dazu bekannt, das Schicksal der Taube in die Hand zu nehmen. Es gibt kein Zurück. Die übrige Kundschaft hat ihren Willen zur Verantwortung bereits dem jungen Paar übertragen. Das ist super von Euch!, geben Vollkornbäcker, Hexe und die Kundschaft geschlossen zu verstehen - sei es durch Gesten, Gesichtsausdruck oder Worte.
Wir, die nicht das Paar sind, haben nun die Energie eines Geschworenen- Komitees: Die Taube ist freigesprochen und ihr zwei, Dei Ex Machina, seid die Auserwählten, die den Freispruch vollziehen dürfen. Auf Eure fein bekleideten Schultern legen wir unsere Mitverantwortung. Hosianna!

Die Taube regt sich nicht. Sie verharrt. Sie hat das Schicksal herausgefordert, ihr Lebenswille hat sich durchgesetzt… doch es fehlen noch entscheidende Schritte zum Vollzug ihrer Rettung.
Während Kuno, der Vollkornbäcker wieder in die Hinterräume der Bäckerei verschwunden ist, um eine Transportkiste für die Taube zu suchen, verhandelt das Paar den Fortgang des ursprünglich anders geplanten Samstagmorgen.
Der junge Mann sagt: „Wir können zuerst frühstücken. Währenddessen setze ich die Taube bei uns in die Badewanne. Und dann gehe ich in Ruhe zum Tierarzt“.
„Nein!“, widerspricht die Freundin, „Ich will keine Taube in der Badewanne. Für die Taube ist das sicher auch nicht schön. Wenn, dann gehen wir gleich zum Tierarzt - jetzt gleich, vor dem Frühstück, und zwar zusammen!“
Der junge Mann muss schließlich einwilligen, denn er will ja nicht vor allen hier einen Streit mit seiner Freundin austragen. Der Bäcker ist schon wieder im Laden; zwischen seinen tätowierten Armen präsentiert er einen stabilen Pappkarton und Einmalhandschuhe. „Besser so“, kommentiert er die Handschuhe und: „Da kann nichts passieren“, den Karton.
Die Taube wird nun in den Reisekarton gehoben und dem jungen Paar zusammen mit den Einmalhandschuhen übergeben.
„Danke“, ruft die Hexe und der Bäcker sagt: „Kommt nachher vorbei und sucht euch Brot und Brötchen aus!“

„Und was macht der Tierarzt mit der Taube?“, frage ich den Bäcker und die Hexe, als ich meinen Cappucchino zahle. „Na, einschläfern“, spricht der Bäcker aus, was wir alle wissen. „Es ist eine Taube“.

Zu Weihnachten, Dezember 2011


Deutschlandfest am anderen Ufer
oder
Watership Down

Spielzeugmenschen spazieren stromauf- und - abwärts, in Richtung und in Gegenrichtung.
Ein Fest am anderen Ufer. Zelte ohne Wimpel und Fahnen, wie sie in alten Zeiten von den Zeltspitzen geweht hätten, denke ich.
Ich stelle mir vor, wie ich von einer langen Reise zurückkehrte in eine festlich geschmückte Stadt: dann wollte ich Fahnen und Wimpel sehen!
Doch heute steckte ich gerne in einer leuchtend orangenen Rettungsweste und säße in einem der kleinen schnellen Rettungsboote, die den Fluss herauf- und herunterpreschen, Schaum vor sich herspritzend; ein Schaulauf der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft DLRG. Der Bug steht aufrecht aus dem Wasser, das Boot macht Männchen.
Mit leuchtenden Kinderaugen in meiner leuchtend orangenen Rettungsweste schreie ich mit den anderen Kindern: „Freiheit! Freude! Einheit!“.
Watership down!“, schreie ich dann und sehe Schaum vorm Maul meines Rettungsbootes. Rot brodelt er aus schwarzem Wasser hervor. Schon ist der Spaß vorbei. Wie hätte es auch ein normaler Spaß werden können, ein Spaß mit den Friede-Freude-Einheits-Kindern zusammen…

Das Kind ist ja nicht normal, nicht zum Frieden, zu diesem Frieden, nicht zur Freude, zu dieser Freude und nicht zur Einheit, zu keiner Einheit geboren. Was willst Du denn, Kind? Immer wieder wird es diesem Kind schlecht bei der Freude, übel beim Einheitsfrieden, es speit in das schaumige Wasser. Ach, wird das denn niemals besser mit Dir!, schimpft die Mutter, die so gerne ein normales, friedens-, freuden- und einheitsfähiges Kind hätte. Sie versucht es doch immer wieder; was hat sie schon alles durchgemacht mit diesem Kind! Wieder und wieder versucht sie es; und irgendwer muss ja auch mal Verständnis mit ihr haben, dass ihr dann ab und zu mal der Faden der Geduld reißt und das Boot vom Ufer losmacht…herrchen- und frauchenlos treibt es watership down…

Das war das Fest, eine Kindheitserinnerung, wimpellose Zeltspitzen am anderen Ufer.
Wir ziehen weiter, unbeteiligt, watership down. Auch die Vorstellung eines kleinen Vergnügens bleibt am Ufer zurück.

Bonn, 03. Oktober 2011



Suomi, Sommer 2011

Ehtoma

Ich halte die Augen geschlossen und sehe einen See. Alle Gedanken, alles Spürbare, Fühlbare, alle Erfahrung, alle Erinnerung scheinen aus diesem See aufzusteigen.
Hinter meinen Augen ist der See und füllt mein Inneres aus; geht weit über die Grenzen meines Körpers, meiner Haut, die nach See und warmem Stein riecht.
Ich liege auf einem Stein am See und verschmelze, die Augen bleiben geschlossen.
Hinter meinen Augen färbt die Sonne meine Wahrnehmung rot: Flamingos.
Ich öffne die Augen und sehe Seeschwalben, Möwen, Enten, eine Wasserspinne; die Flamingos kommen vorübergehend dazu.
Ich greife nach Gedanken, packe sie: Schreiende Möwen, Federvieh - schaue sie an und lasse los. Die Möwen fliegen kreischend davon. Dann ist Stille.
Nun steigen der Mond und das Licht aus diesem See auf.
Dieses Jahr steht der Mond hell am Mittagshimmel und versinkt gegen Mitternacht im Wald, anstatt nächtlich hinter der gegenüberliegenden Waldsilhouette hochzusteigen und eine glänzende Straße auszuwerfen wie im letzten Jahr.
Elliptisch rudert er um den See, wandert um das bewaldete Ufer, zieht kleinere Ellipsen, schwimmt auf seiner eigenen Straße um die Insel, verlässt das Wasser, um auf Zehenspitzen über die bemoosten Wege zu schleichen. Wie ein großes oder kleines Schiff fährt er in die Nacht oder in den Tag.
Alles ist polar, diametral, vereint, entzweit, verschmolzen.
Ich schließe meine Augen wieder. Frieden überzieht mich wie eine Schicht frischen Mooses. Das alte Moos fällt von meinem Körper ab; die Birkenblätter plappern und rauschen… Unendliche Beruhigung auf einem Stein im See, in dem tausend Herzen klopfen und pochen. Weiße Arme spielen in grünem Haar, Gesänge ziehen herauf. Wolken über mir; gebaut, geformt, geknetet, gezupft, gerissen.
Fahren wir nach Ehtoma?


Ehtoma, Suomi, Sommer 2011

Fähre Helsinki-Rostock, Sommer 2011

Fahrt mit der Fähre


Da unten ist der Tod. Ich bin alleine da draußen, der Wind zerrt an mir, als wolle er mich losreißen von diesem blauen Deckboden, an sich reißen, fortschleudern, raus, runter in den Tod.
Deck zehn ist das höchste auf diesem Turm, der über die Ostsee fährt. Auf Deck sechs schlafen wir in Ruhesesseln, und auf Deck sieben sind die Bars und Geschäfte. Da geht man raus, um eine zu rauchen, oder um sich für kurze Zeit der Sonne und dem Wind auszusetzen; ein kleines Abenteuer auf See.
Niemals im Leben, um nichts auf der Welt, würde ich an Land auf einen Turm steigen, der so hoch ist wie diese Fähre. Ein Blick in die Tiefe von einem so hohen Turm, und ich würde sterben vor Angst. Schwindel würde mich erfassen und herumschleudern. Ich würde wie angewurzelt auf einem Fleck stehen und fürchten, fühlen, dass der Boden auf dem Turm mich nicht halten will und kann, mich loslässt, mich abstößt, hinunter stößt… Innerlich, für niemanden sichtbar, würde ich mich in rasender Geschwindigkeit drehen und drehen und drehen, meine Beine würden weich werden, ein dumpfes Gefühl würde sich in meinem Kopf ausbreiten und von da aus überall in meinen Körper abstrahlen, vor allem in den Magen, mir wäre sterbensübel. Ich hätte ein Gefühl, als wären meine Blutkörperchen kleine Punkte, die durcheinander flimmern wie ein Bildrauschen, Sendeschluss, bis es irgendwann aufhört.
Da unten ist der Boden, aber hier oben habe ich keinen Halt. Da unten ist das Leben, aber ich kann es nicht erreichen. Doch den Tod sehe ich nicht, wenn ich auf einem Turm stehe und mir schwindelig ist.
Hier oben auf der Fähre ist mir nicht schwindlig. Stoisch stehe ich an Deck zehn, dem höchsten Deck dieser Ostesee-Fähre, und denke voller Ruhe und Grausen: Da unten ist der Tod. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich denke. Eine Sprache ist in mir wie ein Schwindel. Sie sagt und spricht und singt ihre Worte, während sie sich in mir dreht, schnell, langsam, mal so, mal so; sie bläst mir Worte und Sätze und Satzfolgen ins Hirn und von dort in den Magen und durch meinen Blutkreislauf in alle Organe und Körperteile bis in die Extremitäten, die Füße und Zehen und Finger und Fingerspitzen. Wie an einer Infusion hänge ich an meiner inneren Sprache, einer Sprachschleuder, oder meiner Gedankenflüsterstimme, und ich denke: Ich denke.
Da unten ist der Tod, die Tiefe: Ein Element mit reliefartiger Oberfläche, die sich ständig ändert wie die Gedankenflüsterstimme oder wie die Angst, …diese abstrakte Angst… vor was, ja vor was denn eigentlich nur?
Und dieses Element der Tiefe ist doch eigentlich nur eine Vermutung. Die Vermutung, dass hinter dieser Spiegelung, dieser Umkehrung des Himmels, einer launischen Reflexion, sich dieses Konstrukt der Tiefe befände. Doch die Tiefe ist ja spürbar und sogar messbar. Sie zieht und saugt an mir, an meinen Gedanken, meinen Eingeweiden… Jetzt ist es gut!, ruft die Gedankenstimme: Die Tiefe ist weder Element noch Konstrukt noch Vermutung. Die Tiefe ist einfach da, unter Dir auf Deck zehn.
Tür zu.
Treppe runter.
Deck sieben.
Ich lümmele in einem Sessel in der Bar, kaue an meinem Stift, lutsche an meinem Drink und höre meiner säuselnden Gedankenflüsterstimme zu: Der Himmel ist noch weniger für Flugzeuge (mit Menschen darin) gemacht als die See für Fähren (mit Menschen darauf).
Auf der Fähre kann man wenigstens einmal vor die Tür treten und sich vom Wind anschreien lassen: Da unten ist der Tod! Ich aber fühle mich sicher. Auf diesem blauen Deck über der Tiefe hafte ich besser als auf jedem Asphalt in jeder Stadt. Seltsam, sagt darauf der Wind und zieht an meinen Haaren. Hey!, rufe ich aus, das gefällt mir. Sex mit der Natur. Ein Akt auf Tod und Leben.

Die See ist unruhig, Seegang nennt man das. Das Oberflächenrelief, das die Tiefe zudeckt, wächst sichtbar in die Höhe; Zacken und Ausformungen, sichtbare Äußerungen der Tiefe, die, von wieweit unten, von wie tief denn nun eigentlich, heraufdrückt, schleudert, wieder drückt… der Handabdruck der Tiefe ist dieses Relief, und könnte die Tiefe denken, wäre dieser Handabdruck ihre Gedankenflüsterstimme.
Ich auf der Fähre: Mein Fährturm wird zu meinem Element mit blauen Decks und unerschütterlicher Bestimmung, die Wellen zu durchbrechen, sie zu durchstoßen wie ein Harpunier den Leib eines Wals. Gischt sprüht wie ein feiner Blutnebel …

Then rises long Tom, who never knew fear;
Cries the captain, “Now nail her,
my old harpooner!”

Die Fähre ruckt ein wenig, das ist alles. Moby Dick aber kommt in jeder Welle wieder. So schnell gibt er nicht auf.

He speeds home his lance,
then exclaims: “I am fast!”
While blood, in a torrent,
leaps high as the mast:

Es rüttelt an mir. Jedes Rucken und Stoßen der Fähre ist ein Rucken und Stoßen in meinem Fleisch, in meinen Gedärmen.
Während die Menschen um mich herum in der Bar lächelnd oder gelangweilt oder beschäftigt vor ihren Laptops oder Drinks sitzen, kippt der ganze Fährturm gefährlich zur Seite. Merkt das denn niemand?
Es ist jemand an Bord, der für den Sturm verantwortlich ist und die Fähre zum Kippen bringen wird, wenn man ihn oder sie nicht rechtzeitig findet und über Bord wirft.
Da ist eine Gang von Fischmördern, die sitzen alle auf einer Seite, so dass die Fähre ein bedenkliches Ungleichgewicht bekommen hat. Den einen, den mit dem grünen T-Shirt, den Angeber, den Killer-Laber-Hans (was ist denn eigentlich schlimmer, das Töten oder das Labern?), den will ich über Bord stürzen. Dann können sich die Fische an ihm rächen!

Gestern Abend: Ein Sonnenuntergang verschwimmt hinter den Scheiben. Eine dickbäuchige Altherren-Gruppe hat sich auf roten Plüschsofas und -sesseln in der Bar versammelt. Fische an Haken erscheinen auf einem Laptop. Ein Computerprogramm animiert sie und lässt sie Farbe und Form wechseln. Haken und Fische, groß, klein, blau, grün, rot, schlank, dick, fest, gewunden erscheinen wie auf einem unsichtbaren Fließband und verschwinden wieder. Den langen Abend auf der Fähre verbringen die Herren mit Fachsimpeln, Biertrinken und Unterhaltung. Einer von ihnen, der große, kräftige mit einem Stiernacken, grünem T-Shirt und roter Haut unter dunkelblondem, kurzem Haar, gibt den Ton an. Redet immer und laut. So laut, dass ich ihn einige Tische weiter in der Bar noch gut verstehe. Wort für Wort muss ich ihm zuhören. Er muss sich aber für diese Lautstärke scheinbar nicht anstrengen, es scheint seine natürliche Tonlage und Lautstärke zu sein. Niemand funkt dazwischen, und so muss er seine Stimme nicht verändern, nicht erheben, sich nicht durchsetzen gegen die anderen aus seiner Gruppe, mit denen er zum Fischen in Finnland war. Seine Stimme ist wie die Fähre, die unbeirrt durch die Wellen, den Seegang, fährt. Bulldozer Man und Killer Men, Fischtöter-Gang, Harpooneers!
Sonnenuntergang…“, höre ich einen aus der Gang sagen und nach draußen deuten, draußen aufs Meer, wo es hinter dem Horizont dunkel und dringlich brennt. Auf dem Meer schwimmen rote Flammen in der bleigrauen Landschaft. „Gab es auch schon wesentlich schöner, klarer“, bestimmt der große Grüne und dreht sich wieder weg. Die anderen drehen den Kopf auch weg, weg vom Meer, richten die Augen auf ihn, der unbeweglich in seinem Plüschsessel sitzt und von Fischen am Haken erzählt. Der Todeskampf dieser Dorade, noch nie so was gesehen… Ich protokolliere. Versunken im Plüschsessel drehe ich meinen Drink in meinen Händen, wende mich ab, halte mein Gesicht den Flammen hinter der Scheibe entgegen, die glühen und niemals verglühen wollen. Todeskampf im bleigrauen Gebirge vor der Messersschneide Horizont, so was habt ihr noch nie gesehen…
Der Abend in der Bar wird zunehmend gewalttätig. Zur gefühlvollen Musik des Entertainer-Paares vor flimmerndem Fernsehbildschirm reißt ein kleiner, dicker, schnauzbärtiger Mann im karierten Hemd schamlos am Arm einer jungen blonden Frau, die sich vor Stunden einmal erbarmte, mit ihm zu tanzen. Nun gehört sie ihm. Ich habe das Seepferdchen am Haken! Da zappelt es doch schon, das habt ihr noch nicht gesehen…, denkt der wilde Mann, oder was sagt er, was schreit er ihr zu? Das lächelnde Gesicht der jungen Frau wird von ihrem Laptop angestrahlt, den sie auf ihren Beinen festhält wie einen Schoßhund und nicht loslassen will, so sehr der Mann auch an ihr reißt. Und der junge, gutaussehende Italiener zerrt ebenso roh an einer jungen Frau, bevor er erst einmal Drinks kauft, so viele, wie er tragen kann. Aufgepasst, ihr feinen Heringe, grinst er in sich hinein, als er schwungvoll Kurs nimmt auf die junge Frau und ihre Freundinnen, Ihr kennt meinen Fischhaken noch nicht, haha! Da könnt ihr gleich zappeln und strampeln, das habt ihr noch nicht erlebt!
Der finnische Pfarrer (ich habe mitgehört, wie er seinen Beruf preisgab) hat seine Frau zu Bett gebracht. Sie sind mit dem Motorrad unterwegs und haben sich heute Abend mit einem anderen finnischen Biker-Paar gut unterhalten. Der Pfarrer versteht sich auf Konversation, aufs Schulterklopfen, sogar aufs Tanzen (mit seiner Ehefrau) und vor allem aufs Biertrinken. Bevor er seine Frau zu Bett brachte, verschwand er immer häufiger, des Herren Wege sind unergründlich, und sein leerer Sessel am Tisch wurde von einer Deckenleuchte angestrahlt. Nun sind alle Sessel an diesem Tisch leer. Doch des Pfarrers Sessel wird immer noch angestrahlt, während ich ihn immer wieder irgendwo auf- und abtauchen sehe. Er kreuzt wie ein Schiff, das sich nicht ermüden lässt von Wind, Wetter und Seegang. Der Stand-Up-Pfaffe ist unermüdlich auf Fischfang, denn seine Kraft kommt von ganz da oben und lässt ihn nicht im Stich. Er ist verbunden mit seinem Element, dem Glauben, ein Fels in der Brandung; plötzlich aber getrieben, hier auf der Fähre die Nacht zu durchtrinken und Deck sieben zu kreuzen, zu zerfurchen mit seinen unergründlichen Wegen; ich protokolliere.
Die Fischtöter-Gang hat sich fast aufgelöst. Der grüne Hans hat nur noch einen getreuen Zuhörer, der ihm gegenüber in rotem Plüsch kauert.
Der Himmel ist verglüht, alles ist schwarz draußen, Nacht.
Die Entertainer spielen und werden nicht müde, halten Wache auf dieser Fährnacht. Der Gitarrist wiegt sein Instrument wie ein Baby. Sie sind gut, die beiden Entertainer! Viel zu gut, um hier nur den Umsatz zu steigern und das Elend zu befeuern: Einsamkeit, Gier, Eitelkeit, protokolliere ich.

Heute gehen die Wellen hoch, das Meer erhebt sich gegen uns. Gegen diese Fähre mit diesen sündigen Menschen darauf. Zehn Stockwerke mit größtenteils verdorbener Menschenfracht bahnen sich rücksichtslos den Weg durch die verärgerte See.
Es muss so sein, irgendeine biblische Geschichte läuft hier ab, eine Vorsehung muss sich erfüllen, ein Schicksal.
Den Pfarrer habe ich heute noch nicht gesehen. Ich würde ihm mein Protokoll des gestrigen Abends überreichen (die Pfarrer-Episode würde ich natürlich vorher herausstreichen). Ich würde das Entertainer-Paar gerne gerettet sehen. Sie haben es wirklich nicht verdient, mit all dem Pack an Bord dieser Fähre unterzugehen! Auch die Kinder an Bord würde ich begnadigen. Ihre kindliche Unschuld zeigte sich schon gestern, als sie zu Beginn der Fährfahrt am Nachmittag zur Musik tanzten. Die Entertainerin verließ sogar ihr Instrument, kam hinter ihrem riesigen Keyboard hervor, dem sie hier alle erdenklichen Klänge und Rhythmen passend zur jeweiligen Stimmung entlockt, und tanzte mit den Kindern Ringelreihen. Ihr Companion wiegte sich vor und zurück und ließ sein Gitarrenbaby singen.
Ich wende mich dem geilen, kleinen Dicken und dem Italiener zu. Die Heringe und das Seepferdchen kommen angeschwommen. Das Seepferdchen wird immer noch von seinem Laptop beleuchtet und erstrahlt in magisch heller Schönheit, und die Heringe halten immer noch ihre Drinks in den Flossen und nuckeln an den Strohhalmen. Ich wende mich wieder ab.
Nun kommt die Fischtöter-Gang. Sie sitzen alle auf einer Seite, und die Fähre neigt sich bedrohlich zu dieser Seite. Sie sind es! Sie sind die Schuldigen!, schreie ich gegen den Seegang an. Doch man hört hier nur die sanfte Musik des Entertainer-Paares. Ihr Zopf wippt mit den Wellen, seine Gitarre schaukelt hin und her.
Der grüne Hans!, schreie ich. Der grüne Killer-Hans! Schmeißt ihn über Bord!, schreie ich noch lauter. Über Bord mit ihm, dann sind wir gerettet!
Doch niemand scheint mich zu hören. Die Stimme der Entertainerin hüllt weich und sicher alles in warmen Plüsch. Ihre Companions sind das Keyboard und die Gitarre. Niemand hat Angst vor den Elementen da draußen, der Tiefe und dem Tod, der Rache der See an der Hybris und der Schuld des Menschengeschlechts. Fischmörder an Bord! Mörder an Bord!, brülle ich, meine Stimme überschlägt sich und wird sogleich vom Plüsch verschluckt.
Da dreht sich dieser große, brutale, rothäutige Killer mit Stiernacken und grünem T-Shirt nach mir um und trifft mich mit seinem kalten Blick. So einen Todeskampf, Du Dorade, gab es auch schon überzeugender, klarer, besser…, höre ich ihn denken.
Er steht auf und kommt auf mich zu. Seine Gang steht auch auf und kommt hinter ihm auf mich zu. Ich erhebe mich. Gehe zum Ausgang. Will nicht rennen, ganz cool bleiben, was soll denn hier schon passieren? Ich bin doch schließlich nicht alleine hier! Ich brauche doch nur laut um Hilfe zu schreien…. Ich drehe meinen Kopf und sehe das Entertainer-Paar durch die Schultern meiner Verfolger hindurch an ihren Instrumenten lächeln: Nein, mein kleiner Fisch, niemand hört dich, das weißt du doch…
Jetzt sind die Fischmörder direkt hinter mir, nehmen mich in ihre Mitte und drängen mich nach vorne. Ich spüre feuchten, heißen Atem in meinem Nacken und rieche Männerschweiß. Die Männer stoßen die Tür auf und schubsen mich hinaus. Der raue Wind schlägt mir ins Gesicht. Ehe ich mich versehe, sind wir an der Reling, und ich werde von den stählernen Armen des grünen Hans emporgehoben und über Bord geworfen.
Ich stürze in die Tiefe, die schäumende Gischt. Da unten ist der Tod…
Ich lande im Schlund des Riesen-Wals, des Leviathans, der von Käpt’n Ahabs Schiff, der Pequod, harpuniert wird.

Starn! Starn! Hurry, hurry, boys!
She’s gone in her flurry, boys,
She’ll soon be in “gurry”, boys!
Pull ahead, you heave, O!



Fähre Helsinki-Rostock, Sommer 2011



Fähre Helsinki-Rostock, Sommer 2011
 Flaschenpost


Der Tag vergeht langsam auf Deck sieben in der Bar. Der Seegang hat sich wieder gelegt. Dennoch bin ich voller hin und herschwappender See. Dabei habe ich schon richtig stürmische Fährfahrten erlebt. Zum Beispiel diese Fahrt von Hamburg nach Harwich in England.
Ein Freund hatte mir eine Flasche Kräuterschnaps aus seinem Urlaub in Kroatien mitgebracht. Die Fähre legte am Abend ab. Da es kalt war, trank ich ein Schlückchen und lud einen Mitreisenden, der eine Unterhaltung mit mir begonnen hatte ein, mit mir zu trinken.
Es wurden mehrere Schlückchen, wir waren allein an Deck, draußen in Wind und Wetter. Die Fähre brach durch Wellen und Nacht, der Schnaps wärmte uns. Wir tauchten ein in die See und die Nacht der Gedanken und Philosophien… Gedanken zwischen kleinen warmen Schnapsstößen.
Irgendwann war der Kerl weg, ich verstand nicht warum. Er war einfach ausgestiegen aus unserem Gespräch und hatte mich zurückgelassen da draußen an Deck mit meinem Schnaps.
Fest an den Leib des großen Nachtvogels gepresst, flog ich über die Nordsee, unter uns das schwarze Wasser, sonst nichts. Ich rezitierte meine eigenen Gedichte, die ich auswendig konnte. Es ging um eine heroinsüchtige Freundin. Die hochprozentigen Stöße, die mich in dieser Nacht wärmten, waren eine kleine Verbindung zwischen uns. Ich hatte für sie geschrieben und gab nun die Zeilen mit meiner heiseren Stimme in die schäumende Nacht. Dieses Wiedersehen war ein Abschied gewesen, das wusste ich. Es war ihr nicht angenehm, von mir in der Obdachlosensiedlung besucht zu werden. Aber, versicherte sie viele Male, und sie durchsuchte und durchwühlte dabei ihren Kram, ihre Siebensachen, über meine Karte aus New York habe sie sich total gefreut.
Ein Abschied findet immer zwischen den Worten statt, ohne Worte, ohne Ufer. Goodbye Festland, bald schließt sich der Horizont um uns wie eine Ellipse, eine Umlaufbahn um die Nacht, das Wasser, die salzige See.
Ich lasse Dich los, Schwester, die Du mit mir durch Liebe und Verrat gegangen bist. Kleine Schwester, so hast Du mich genannt. Unsere Geschichte habe ich nun losgelassen; die Tiefe hat sie geschluckt, hat schon so einiges geschluckt, da sind wir wilden Schwesterherzen nur kleine Fische im Ozean der Gewalten. Ich bleibe hier an Deck stehen und trotze der Kälte mit Kräuterschnaps-Medizin. Zum Schluss schreibe ich etwas auf einen Zettel, eine Zeile für Dich, eine letzte Zeile (nein, keine Postkarte mehr aus New York oder sonstwo), und ich rolle den Zettel ein und stecke ihn in die leere Flasche - die muss natürlich erstmal leer sein - und dann schmeiße ich die Flaschenpost in das salzige, schwarze, schäumende Meer.
Das ist unser Abschied, Schwester!
Ich trank die ganze Flasche Kräuterschnaps aus und warf meine Flaschenpost in die Nordsee. Dann wurde es kalt. Das Reißen des Windes an mir tat auf einmal weh. Ich öffnete eine Tür und wurde vom Wind ins Innere des Schiffs gestoßen. Alles schien ausgestorben, es musste mitten in der Nacht sein. Ich suchte meine Kabine, die tief im Bauch der Fähre lag. Eine Vier-Bett-Kabine mit fremden Menschen im Magen-Darm-Trakt Moby Dicks. Um mich herum dröhnten laute Maschinen, Verdauungsgeräusche des Riesentieres, dachte ich. Ich fiel auf meine Pritsche - es war ein Wunder, dass ich den Weg gefunden hatte - und augenblicklich begann sich alles zu drehen. Ich fiel in eine Art Schlaf, der eher einer Lähmung glich. Am Morgen - war es Morgen oder Mittag? - hörte ich diffuse Durchsagen, die nur bedeuten konnten, dass die Fähre bald anlegen würde. Ich hörte geschäftiges Treiben um mich. Meine Kabinen-Kameraden standen auf, packten zusammen, wechselten Worte. Jemand rüttelte vorsichtig an mir und sagte etwas. Doch ich konnte mich nicht rühren. Durchsagen, Geräusche, Stimmen.
Irgendwann war die Kabine dann leer.
Die Stimmen waren nun draußen vor der Kabinentür. Und nun hörte ich eine männliche Stimme ganz deutlich, als habe sie sich einen besonderen Weg in meine Wahrnehmung gesucht. Die Stimme erzählte:

„Gestern Nacht war ich noch ziemlich lange draußen an Deck. Hab mich da mit einer Frau unterhalten; die hatte eine ganze Flasche Schnaps dabei. Irgendwann bin ich ausgestiegen und wieder rein gegangen. Die Frau ist draußen geblieben. Möchte zu gerne wissen, wie’s der jetzt geht“.

„Nicht gut!“, rief eine Stimme in Moby Dicks Bauch. Aber niemand hörte mich.

Ich sitze jetzt völlig ruhig auf meinem roten Plüschsessel auf der Ostsee-Fähre. Wellen, Regen, Nebel hinter den Scheiben der Bar auf Deck sieben, aber kaum Seegang mehr.
Ein Gin Tonic hat mich in Fahrt gebracht, so vieles aufzuschreiben während dieser langen Fahrt über die Ostsee: Siebenundzwanzig Stunden dauert die Überfahrt von Helsinki nach Rostock. Außerdem habe ich Clemens Meyers „Gewalten“ gelesen. Prost, Clemens, einen guten Schluck Gin Tonic auf Dich und diese Welt voller (Selbst)Zerstörung mit ihren traurigen Symptomen. Ich trink den ganzen Gin auf Dich und Dein Buch. Schnaps habe ich heute nicht mehr dabei, das ist nichts mehr für mich, das geht überhaupt nicht mehr für mich.

Irgendwie bin ich am Ende dieser Fahrt von Hamburg nach Harwich von meiner Pritsche hochgekommen und aus der Kabine heraus und über Deck und runter in den Bauch Moby Dicks, die ganzen langen Gedärme entlang bis dahin, wo die Passagiere warten, bis die Fähre angelegt hat. Dort stand mein Fahrrad, und ich radelte von der Fähre herunter und fuhr los in einen goldenen, englischen Nachmittag im Spätsommer, der Ankunft bedeutete, nicht Abschied. Land, eine Art Zuhause, Boden unter den Füßen, beziehungsweise unter den Rädern meines Fahrrades, mit dem ich meine Reise noch einige Tage fortsetzte bis zu meinem Zuhause in England.

Heute bringt mich die Fähre über die Ostsee nach Deutschland, einem Zuhause, das ich nie richtig annehmen konnte wie die Sprache, die ich spreche und in der ich schreibe und denke, wenn nicht Stimmen in ihrem ganz eigenen Klang oder Kauderwelsch das Gedankenflüsten übernehmen. Das Zuhause, das ich nie richtig annehmen konnte wie die Familie, der ich entstamme, Vater, Mutter, Vaterland und Muttersprache…
Abschiede sind mir lieber, glaube ich, sind friedlicher in meinen Gedanken (ich rede nicht von Brüchen), Abschieden vertraue ich…
Abschied ist, ganz oben auf Deck zehn zu stehen und furchtlos in die Tiefe zu schauen, eine Flaschenpost zu werfen; den Wellen zu trauen, der Tiefe, dem Tod.



Holzschnitt, Eva Wal, Juni 2011

Der Brunnenmann


An einem Strick ließ ich mich hinunter zu einem Mann, der in einem Brunnen wohnte. Als er dorthin gezogen war, hatte man ihn gewarnt: Der Brunnen sei tief. Doch der Mann war so lang wie ein Baum und wollte im Brunnen leben. Aber der Brunnen war auch für den baumlangen Mann zu tief. Er vereinsamte. Da kam ich zu ihm in seine Einsamkeit, die wie ein Brunnenschatten um ihn lag. Ich lachte ihn an. Er meinte, ich sei sein Glück. Als ich ihm von meiner Empfindlichkeit erzählte, dass selbst das zarte Geflüster einer Bergblume mich verletzen könne, glaubte er mir nicht, denn ich war mit Rinde bewachsen. Als er mich umarmte, meinte er, ich sei rau und warm. Er rieb sich etwas blutig an mir. Sein Blut floss in den Brunnenschatten und gab ihm die Färbung eines errötenden Gesichts.
Als er meine Hand nahm, fasste er mitten in einen Erdklumpen, aus dem sich die Wurzeln wie nackte Adern reckten. Er nahm meine Wurzelfinger zwischen seine Fingerspitzen, und Tränen rannen über sein großes Gesicht. Dann nahm er meine Finger in den Mund und sog. Es tat mir nicht weh, aber ich spürte, dass mein Mark durch die Wurzelkanäle in seinen Mund floss. Es vermischte sich mit seinem Speichel und seinen Tränen. Ich war dagegen und wollte meine Finger aus seinem Mund ziehen. Er hielt meine Hand fest, und als ich weiter zog, hielt er mich fester. Er war soviel größer und stärker als ich, der baumlange Mann! Ich konnte mich nicht gegen ihn wehren. Außerdem war ich in einem tiefen Brunnenschacht gefangen. So verwandelte ich mich in eine blaue Bergblume und floh in seine Augen. Nun strömten die Augen des Brunnenmanns über vor Sehnsucht. Er hielt es nicht mehr aus, an die Wände des dunklen, feuchten Schachts zu schauen. Der Brunnenmann bog seinen Kopf zurück, so dass er waagrecht an seinem Nacken hing wie eine abgeknickte Blume. Er sah in den Himmel, dessen Blau sich mit dem Bergblumenblau seiner sehnsuchtsvollen Augen vereinigte. So weinte er, bis der Brunnenschacht sich mit Tränenwasser füllte. Als der Wasserspiegel die Augen des Brunnenmanns erreicht hatte, färbte sich das Wasser blau. Und es stieg weiter, bis es den Brunnenrand erreichte. Es floss über ihn hinweg und überflutete die angrenzende Wiese. Um den Brunnenmann herum entstand ein See. Er lag in der Wiese wie ein Auge. In seiner Mitte stand der Brunnen wie eine Pupille. Im Tränenwasser außenherum spiegelte sich der Himmel bergblumenblau.
Der Brunnenmann aber musste an seinem Grund bleiben, denn ich war ganz in ihm. Meine Wurzeln waren durch ihn hindurch gewachsen, durch den Brunnenboden und noch viel weiter bis zum Mittelpunkt der Erde. 



Januar 2011
Die Katze im Eulenwald

Kitty

Am Mittag gehe ich zum Strand. Kurz vor dem lehmigen, vom Regen erodierten Weg, zu dessen Seiten rechts und links dichtes Gebüsch steht, höre ich ein Wispern und seltsame Geräusche. Dazwischen wortartiges Gemurmel. Es muss eine menschliche Stimme sein, die diese Geräusche hervorbringt. Ich wende mich zu der Seite, aus der ich die Geräusche vernehme, nach rechts, und entdecke eine Gestalt, eine Person. Sie hat mir den Rücken zugekehrt. Die Person steht nach vorne, über ein Mäuerchen gebeugt. Über ihrem Rücken ragen weiße Haare auf. Es muss eine alte Frau sein, die da zischt und murmelt und wispert, und, das sehe ich nun, mit etwas herumraschelt. Da sehe ich gelbe Augen über dem Mäuerchen aufblitzen. Das Dunkel des Gebüschs umschattet die gelben Augen und das sie umgebende voluminöse, grauweiße Fell. Fast dämonisch wirkt die Szenerie.
Ich bleibe stehen, beobachte die alte Frau und die Katze. Fast glaube ich, sie fühlt sich von mir ertappt, denn ganz plötzlich dreht sich die Frau um, greift nach einem großen Plastiksack und will gehen. Ich trete zu ihr und grüße freundlich: „Bom dia!“. Die Augen der alten Frau sind hinter einer riesigen Brille mit rosaorangefarbigen Plastikgläsern verborgen. Die Bügel der Brille sind mit schwerem Strassschmuck beladen. Ich kann nicht erkennen, ob die Frau versucht zu lächeln. Aber ich kann erkennen, was das für ein Plastiksack in ihrer Hand ist: Katzenfutter! „Bom dia!“, grüße ich noch einmal und füge schnell hinzu: „Do you feed the cats?“ Die Frau bleibt stehen, wirkt aber nervös, als sei bei ihrem Tun Heimlichkeit geboten. „That’s nice“, fahre ich fort, um mich schnell als Katzenfreundin zu outen. „There are many cats around here… I have one living on my balcony, and I wondered who feeds her, because she looks well fed“. Die Frau rüttelt den Sack in ihrer Hand und bewegt den Kopf. Ich kann nicht ausmachen, ob es ein verneinendes Kopfschütteln oder ein bejahendes Kopfnicken ist. „Yes“, sagt sie dann, „I come here every day“. Dann beeilt sie sich zu ihrem Auto zu kommen, steigt grußlos hinein und fährt davon.
Ich gehe zum Mäuerchen und erkunde den Katzenfutterplatz. Die dämonische Katze huscht davon und faucht aus dem Dunkel des Gebüschs heraus. Hier liegen also die kostbaren Brekkis, die auch meine kleine Freundin ernähren!
Nicht alle Menschen hier haben ein Herz für die wildlebenden Katzen, die in der Feriensiedlung umherstreunen. Gut genährte Straßenkatzen mit glänzendem Fell, Straßenkinder im Paradies. Wie gesagt nenne ich eine von ihnen meine Freundin und sage „Kitty“ zu ihr.
Wenn ich auf den Balkon komme und Kitty mich schon von Ferne sieht, wandert sie über den gepflegten Rasen der Anlage, kreuzt die ovale Pflanzung, auf der Oleanderbüsche, Tuja und Mageriten neben hohen Palmen wachsen und bleibt vor dem Bäumchen unter meinem Balkon stehen. Ich schaue von oben auf die Baumkrone herab, sehe zwei gelbe Katzenaugen durch das Laub hindurch leuchten. Kurz begegnen sich unsere Blicke. Auge in Auge von oben nach unten und von unten nach oben geht der Blick zwischen Mensch und Katze hin und her, wie ein elektrischer Strom von Pol zu Pol: Wechselstrom. Dann wackelt das Bäumchen, es rüttelt und schüttelt sich, bis oben aus der Krone meine Freundin herausschaut. Sie miaut einen kurzen Gruß, wackelt mit dem Hinterteil, setzt zum Sprung an, konzentriert sich… und springt. Mit einem fast quiekenden Geräusch landet sie vor mir auf dem Balkon.
Ich streichle meine kleine Straßendiva und sie schnurrt, als habe sie einen eingebauten Motor. Sie schmeißt sich vor mir auf den Boden, dreht sich auf den Rücken, spreizt ihre schwarzen Lederpolster, Pfoten genannt, umrundet mich unermüdlich, schnuppert, buckelt, streckt sich, als habe sie ein festes Ritual dafür in sich. Dazwischen miaut sie kurz und deutlich.
Vielleicht ist sie nur dankbar, dass ich sie streichle und kraule und kratze und nachher ein paar Bisse mit ihr teile. Obwohl ich mir die Hände gründlich wasche, juckt und brennt es hier und da auf meiner Hand; rote Stellen zeigen sich, wenn ich Kitty gestreichelt habe. Ich möchte nicht wissen, wer alles in ihrem schönen, glänzenden Fell lebt.
An ihrem linken Ohr fehlt eine kleine Ecke. Das bedeutet, wie ich von der Verwaltung erfahren habe, dass sie sterilisiert wurde. Durch die fehlende Ecke am Ohr wird sie als bereits sterilisiert erkannt und somit nicht noch einmal ergriffen und aufgeschnitten. Dennoch holt man vielleicht irgendwann einmal den Kammerjäger, um das Problem „Siedlungskatzen“ zu lösen, sagt die Verwalterin, sozusagen eine „Endlösung“ herbeizuführen.
Endlösung, denke ich, wenn mein Blick auf die abgeschnittene Ohrecke meiner Freundin fällt. Sie ist meine beste Freundin hier. Und meine einzige. Unter ihrem Kinn wächst ein kleines, weißes Luchsbärtchen. Dort mag sie am Liebsten gestreichelt werden.
Ich schaue ihr zu und freue mich, wenn sie sich auf dem Balkon putzt und dann zusammengerollt auf dem Korbstuhl schläft, den Kopf auf den Pfoten nach oben gedreht; putziger geht es nicht.
Ihr Kommen und Gehen begleitet meine Zeit hier wie das Ziehen der Wolken, das Rollen der Wellen, das Steigen und Sinken der Sonne im großen Bogen über den Himmel, die Regenbögen, Wind, Sand und Sterne… Am Strand begleiten die Muscheln meine Schritte, die sich in den immer feuchten Sand drücken und Abdrücke hinterlassen.
Morgens höre ich die Vögel zum Sonnenaufgang singen. Ich sehe Spatzen in der Anlage. Sie versammeln sich an der ovalen Pflanzung und schwatzen aufgeregt, picken Nahrung, fliegen auf und flattern herum. Sie sitzen in Cliquen auf den roten Dachziegeln oder am Pool. Ich sehe und bewundere fremde Vögel, höre ihnen zu, kenne Amsel, Kuckuck und Spatz. Die bekannten Vogelrufe mischen sich mit den unbekannten zu einer täglichen Symphonie von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Baugeräusche von den Baustellen ringsum, Heckenscheren, Laubbläser, Rasenmäher und Hunde dringen in die Symphonie hinein.
Hundebellen ist mir verhasst. Es hallt in mir wieder, ohnmächtig vor Angst renne ich durch endlose Tunnel. Heisere Höllenhunde bellen aus meiner eisigen Nacht.
Den ganzen Januar verbringe ich hier alleine. Mit meinen Höllenhunden, meiner Nacht, meinen Tunneln. Alleine mit meiner Unruhe und meiner Ruhe, meiner Natur, die diamantblaues Meer ist und hoher Himmel und rauer Wind. Da gibt es Quellen in meiner Natur, Haine, große, rauschende Bäume, felsige Schluchten, Grotten, dunkle Wälder mit Waldrändern, Lichtungen, moosgrünen, weichen, geschützten Plätzen, auf denen ich mich ausruhen kann. Wo ich zur Ruhe komme.
Das alles nehme ich mit, wohin auch immer ich gehe. Mein Gepäck ist meine Geschichte, mein Leben, meine Natur.
Es gibt keine Flucht. Es gibt immer nur ein Weggehen, ein Hingehen, ein Dasein, ein Abwesend- und Anwesendsein.

Maori - Der Weg der Eule

Ich denke an meinen Freund, den Maori George. Er ist von Kopf bis Fuß nach Maori-Tradition tätowiert. „Tau tau“ heißt das Schlagen mit einem kleinen Eisenmeißel in die Haut lautmalerisch und bedeutet etwa „eine Wunde schlagen“. Daher kommt wohl das Wort „tätowieren“. Blut tritt aus, in die Wunde hinein wird die Tinte gerieben. Der geschlagene  Körperteil schwillt an. Jeder Schlag muss sitzen, sonst kann es zu bleibenden Schäden und Unschönheiten kommen. Ist der Schlag nicht tief genug, gelangt die Tinte nur in die obere Hautschicht, die sich erneuert. So verschwindet die Zeichnung wieder oder verblasst unschön. Ist der Schlag zu tief, kann das Blut die Tätowierung hässlich auswaschen. Abgesehen davon können Allergien, Hautkrankheiten oder traumatische Kopfschmerzen entstehen. Mein Maori-Freund war tagelang nach der Tätowierung blind, so angeschwollen war sein Gesicht.
Die Schmerzen haben ihn gezeichnet, innerlich. Doch Frau und Gemeinschaft begleiteten ihn durch das Ritual, so dass er genesen konnte.
„I don’t ware the tatoo, the tatoo wares me“, sagt George.
Zu jeder Tätowierung gehört eine Geschichte, die nun auch zu George gehört. Jede Geschichte hat etwas mit der Verbindung von Mensch und Tier zu tun. Jäger und Gejagter sind in einer natürlichen Gemeinschaft untrennbar miteinander verbunden. Der Gejagte gibt dem Jäger Lebensweisheiten mit auf den Weg. Ich rufe Georges Tätowierungen vor meinem inneren Auge auf: Da ist der Weg der Ratte, auf Georges Hals. Die Ratte findet ihren Weg überall, ist schnell und schlau. Da ist der Weg des Hasen, auf Georges Armen. Der Hase kann Haken schlagen und dadurch die Verfolger abhängen. Und hier ist die Zeichnung des Haifischhakens. Der Haifisch mit dem Haken im Rachen wehrt sich, reißt mit ganzer Kraft, längst dem Tode geweiht, an der Leine, am Haken, und ruft: „Never give up!“. Das ist der Weg des Haifischs. Und die Eule verkündet von Georges Körper: „Sometimes you have to go to the forest alone“.
In der Kultur der Maori geht die Gemeinschaft über alles. Doch die Eule sagt: Manchmal musst Du alleine sein, alleine im Wald und nur auf Dich hören und das Rauschen der Natur, die Vogelstimmen, den Wind...
Die Tätowierungen der Maori zeigen ihre traditionellen Bande, die Verbindung zur Erde und zum Himmel, zu den Geistern und den Ahnen. Mein Maori-Freund lebt im Ausland, in Großstädten, im Flugzeug, unterwegs und in Ausstellungshäusern. Seine Kultur lebt in ihm und leuchtet aus ihm. Als Künstler trägt er sie in alle Welt. Er lebt in einer Gemeinschaft von Maori, die in seiner Heimat für einige als Verräter gelten, weil sie das Land verlassen haben. Doch George und seine Freunde sind der Meinung, dass die Wahrung der Tradition in ihrer Heimat oft nur noch Stillstand bedeutet.
Ich habe keine traditionellen Bande wie mein Maori-Freund, kein Familienleben und keine Gemeinschaft, die mich durchs Leben begleitet. Ich gehöre zur Gemeinschaft der Planeten, die im Wandern in der Ferne und in der Fremde zuhause sind, sich anziehen und abstoßen im kalten, schwarzen All. Ich bilde meine Wurzeln immer neu in der Luft, ich treibe wilde, phantastische Blüten wie Orchideen. Ich bin gezeichnet, bin voller unsichtbarer Tätowierungen, die mit Geheimtinte in mich geschlagen wurden. Da ist auch der Weg der Eule…

Muttersprache

In diesem Januar bin ich alleine in den Wald gegangen. Ich rede mit mir selbst, höre Kuckuck, Käuzchen, Baum, Quelle, Vogel, Katze und Hundegebell. Ich schlage mich durchs Gebüsch zum Strand, Muscheln fallen vor meine Füße wie Sternschnuppen.
Ich bin die erste Spur am Morgen, der Strand liegt ockergelb und nass in der Morgensonne. Ein Albatross hebt mich hoch und nimmt mich ein Stück mit. Das Meer schickt eine schäumende Zunge aus, sie leckt meine Fußspuren hinweg, der Albatross setzt mich wieder ab.
Wenn meine Gedanken auf stürmischer See segeln, wenn ich auf Sonnenstrahlen reite und auf Wolken balanciere, wenn ich mich sprechen höre jenseits meiner gelernten Sprache, in meinem Appartement in der Feriensiedlung, am Strand, auf meinen Wegen durch die Felsen am zerklüfteten Ufer, irritiert es mich, meine sogenannte Muttersprache von anderen gesprochen zu hören. Sie scheint von einem ganz fremden Ort zu kommen, zu dem ich mich nicht zugehörig fühle. Sie holt mich gewaltsam aus dem Wald. Meine Eulenwald-Kapsel zerplatzt. 
Die Muttersprache stülpt mir eine Zugehörigkeit über, ein Kettenhemd, eine Zwangsjacke. Ich wehre mich gegen Worte, die ich nicht verstehen will, gegen die Muttersprachenstimme, die zu hören mir Gewalt antut. Ich widerspreche. Ich fordere. Ich behaupte, dass der Januar in Portugal mein Wald ist, mein Eulenwald, in dem ich alleine sein darf. Niemand hat mir hier meine Muttersprache überzustülpen! Ich will die Sprache dieses Landes hier in ihrer gesanglichen Schönheit und Fremdheit ungestört genießen. Ungestört! Meine Muttersprachler sind Hundebeller! Sie sollen weggehen und mich in Ruhe lassen! Ich will sie nicht haben in meinem Wald im Januar in Portugal!
Ich gehöre zur Gemeinschaft der Maori im Ausland, der mit Geheimtinte tätowierten Planeten, der Luftwurzeln bildenden Orchideenblütler, der kleinen und dunkelhaarigen Menschen in südlichen Ländern, ob Amerika, Europa, Australien oder Neuseeland.

Lächeln

Die Menschen hier sind von einer sanften, ruhigen Freundlichkeit, die mir so gut tut: Weiche Lichtstrahlen fallen zwischen den Baumstämmen hindurch in meinem dunklen Wald.
Der Fischhändler auf dem Markt gibt mir den Fisch mit einem Lächeln. Wie ein  Segelschiffchen kommt es auf freundlichen Wellen zu mir und schwimmt in mich hinein. Ich esse das Lächeln mit dem Fisch. Ein lächelndes Segelschiffchen auf freundlichen Wellen im Mini-Supermerkado an der Ecke (das Segel ein blauer Strickpullover mit weißer Schneeflocke), an der Rezeption des benachbarten Hotels (das Segel eine schwarze Bluse mit Aufschrift „Vila Galé Atlantico“), an der Kasse im Ápolónia Supermercado (das Segel ein grüner Pullover mit der Aufschrift „Ápolonia“), im Café Colibri (das Segel ein weinroter Pullover).
Die Bedienung in Carlos Beach Bar legt ihre Hand auf meine Schulter und sagt „Si“. Beim Lächeln zieht sie die Oberlippe weit hoch. Ihr Zahnfleisch liegt bloß wie das feste, rote Fleisch eines rohen Fisches. „Ja, Schwester“. Ihre Freundlichkeit dringt mit dem klingenden „Si“ in mich ein, breitet sich dort aus wie eine heilsam schwingende Welle.

Vogelkenner

Ich sitze in Carlos Beach Bar, trinke mein Bier und sinniere aufs Meer hinaus. Neben mir sitzen Menschen, die meine Muttersprache sprechen. Es ist ein älteres Paar. Der Mann hat ein Fernrohr und weist sich bald als Vogelkenner aus.
Ich kenne die Möwe. Hoch fliegt sie über dem Meer und schreit: „Meeeer! Salziges, blaues, grünes, leckendes, sich kräuselndes, schäumendes, weites Meeeer! Meeeer von Afrika nach Australien, von Neuseeland bis Amerika! Meeeer voller Fische, Seehunde, Schlangen, Drachen, Schiffe, Dampfer, Frachter, Nussschalen, Höllenhunde! Meeeer!“
„Heringsmöwe“, sagt der Vogelkenner durchs Fernrohr.
Ein Schmetterling trudelt durch die Luft und setzt sich in die Düne direkt vor Carlos Beach Bars Terrasse. Dort wächst ein wenig Gras, Dinge liegen herum, ein paar gelbe Blumen blühen. Mittendrin sitzt nun der Schmetterling und klappt die Flügel zusammen, so dass er perfekt getarnt ist. Der Mann hat ihn entdeckt. „Kolbenschmetterling“, sagt er, und die Frau fragt: „Wo?“ „Siehst du diese Blume?“, fragt der Mann und zeigt auf eine Blume, nicht weit vom Schmetterling. „Ja“, antwortet die Frau. „Fünf Zentimeter geradeaus liegt ein silberner Plastikdeckel. Da scheint die Sonne drauf. Von dort aus drei Zentimeter nach unten, zu uns hin, da sitzt ganz genau der Kolbenschmetterling“. „Nein“, sagt die Frau, „ich sehe keinen silbernen Plastikdeckel“. Ich spiele mit. Linse zum silbern blitzenden Plastikdeckel, der in der Düne funkelt und blinkt wie ein gerade gelandetes Ufo und messe ungefähr drei Zentimeter nach unten, zu uns hin. Da sitzt der Schmetterling.
Die Frau kann den silbernen Plastikdeckel, das Ufo, beim besten Willen nicht finden, wieder und wieder beschreibt der Mann seiner Frau den Weg mit den Augen zum Kolbenschmetterling. Wieder und wieder macht sich die Frau auf den Weg, vermisst die Dünenlandschaft unter der Terrasse von Carlos Beach Bar Zentimeter für Zentimeter mit den Augen und sagt jedes Mal zum Schluss: „Ich sehe keinen silbernen Plastikdeckel!“ Dann geht es von Vorne los. Irgendwann sagt die Frau: „Ich sehe nur einen Plastikdeckel, der ist blau“. „Nein, silbern“, sagt der Mann. Er hat wohl vergessen den Einfallswinkel der Sonne aus der Perspektive seiner Frau zu berechnen. Immerhin, die Frau hat den Plastikdeckel nun gefunden, zum Kolbenschmetterling sind es nur noch drei Zentimeter. Da schlägt der Schmetterling mit den Flügeln und fliegt davon. „Jetzt ist er fortgeflogen“, konstatiert der Mann und richtet sein Fernrohr auf das Meer.
„Da schwimmt ein Seehund“, sagt er und reicht seiner Frau das Fernrohr mit einer genauen Beschreibung, wie sie den Seehund finden kann.
Ich mache mich auf den Heimweg. Begegne einem Reiter auf einem kräftigen, weißen Pferd. Es ist über und über mit winzigen, schwarzen Punkten übersät. „Fliegenschimmel“, sage ich und lache.

Sonnenuntergang

Ich freue mich auf den Sonnenuntergang. Schon vor Sonnenaufgang stand ich heute auf der Dachterrasse, bewunderte den Mond, der glänzend im Himmel schwebte und seine Geschwister, die singenden Sterne. Der Himmel beginnt zu leuchten. In einer hell strahlenden Mondsichel schaukelt eine dunkle Mondkugel, der Mond liegt im Mond. Vor dem leuchtenden Nachtblau ziehen dunkle Wolkentiere. Im Osten beginnt der Himmel gelb zu strahlen wie eine Verheißung. Es dauert, bis die Wolkenränder glühen, das dottergelbe Sonnen-Ei aufplatzt und Licht im Rund ergießt. Die Wolken erröten, die Sonne steigt, pflastert das Meer mit Silbersteinen, ein wehender Lichtteppich im blauen Tag.
Ich laufe über den Strand unter Regenbögen, finde große Muscheln.
Durch diese eine große, weiße Muschel mit braunen Flecken schaue ich nun wie durch ein Fernrohr. Ein kleines Loch liegt einem winzigen Loch gegenüber. Ich reise den Horizont entlang, durch das Bullauge meines Fischkutters Ausschau haltend nach singenden Riesenmuscheln, brennenden Möwen, Drachenschiffen, unerkannten Sonnen, fliegenden Fischschwärmen…
Ich höre Musik, schüttle mein Haar, meinen Kopf, meinen Körper zur Musik: „Over the rainbow, I love youuuuu“. Ich bade in Gefühlen. Meine dottergelbe Sonne platzt auf, die Ränder meines Wolkengebirges erröten.
Und während am Horizont die Sonne verglüht, verbrennt im Ofen mein Samosa vom Café Colibri.
Morgen werde ich mir wieder eines holen und es dort essen, heiß. Der Kellner mit dem weinroten Pullover wird mir wieder ein Lächeln schenken.
„Obrigada“.
„De nada“.

Die Katze im Eulenwald

Heute war mein letzter Tag. Die Eule fliegt aus dem Wald. Oder: Ich verlasse den Eulenwald. Oder: Ich verlasse den Weg der Eule…
Meine Freundin Kitty, die Katze, gibt mir das letzte Geleit.
Ich habe einen Fahrer gemietet, der mich mit einem Trauerwagen aus dem Eulenwald fährt. Hügel, Orangenbäume und blühende Obstbäume bleiben kommentarlos im Blau stehen.
Die Sonne wird immer heißer werden, das Blau immer blauer, wenn ich weg bin.
Der Fahrer redet mit seinem Sohn. Der portugiesische Gesang von Vater und Sohn ist meine Abschiedsliturgie.
Die Katze legt ihnen die Worte in den Mund und sendet ihre gelben Blicke in die Sonnenstrahlen.
Es ist seltsam, zu gehen.
Seltsam ruhig und unruhig war ich hier; nervös flatterten meine Gedanken in der lichtvollen Stille.
Vor der Reise habe ich ein heißes Bad mit Meersalz genommen, um meine Kopfschmerzen loszuwerden. Dann bin ich ein letztes Mal an den Strand gegangen und habe dem Meer einen ganzen Korb gesammelter Muscheln zurückgegeben.
Ich denke an mein warmes Zuhause in einer kalten, steinigen Umgebung. Dort muss ich um Licht kämpfen, scheint es mir. Jeden Lichtstrahl muss ich suchen und behutsam hineinlassen. Dort wuchert die Unzufriedenheit. Doch es wartet auch ein liebendes Herz, ein warmer Körper, ein Mensch, ein Mann auf mich. Mein Mann, der sich nach mir sehnt und mich in seine Arme schließen wird. Ich sehne mich nach dem beruhigenden Herzschlag zu zweit.
Ich verjage die Erinnerungen an vergangene Heimkehr mit Schrecken, und ich frage die Katze: „Hei, wie viel Leben hattest Du schon?“
Die Katze fängt an zu zählen, kommt aber immer nur bis sieben. Ja, diese magische Zahl!
Wenn ich zu zählen beginne, gerate ich sofort in den Dschungel der Zahlen; verzähle und verzettele mich bei Brüchen und Dezimalstellen hinter dem Komma, Wurzeln, Multiplikationen und Divisionen, Additionen und Substraktionen.
„Es ist ganz schön faszinierend, Katze, mit so kompliziert vielen Leben!“, sage ich.
Und dann erzähle ich ihr, wie es ist in ein Flugzeug zu steigen und von hier wegzufliegen: „Es ist, als zöge man mich nach oben, doch meine Füße stecken im nassen Sand. Sie sind fest angesaugt vom Meerwasser, mit dem sich der Sand vollgesogen hat. Meine Haut ist zusammengewachsen mit diesem Gold und Orange und Rosa und Blau in der Luft, das einfach nur Weite ist und Element; ein Hauch, ein Hall…“
„Was ist das?“, fragt die Katze dazwischen.
„Ich kann es nicht besser erklären, Katze… Man zieht mich auseinander, etwas löst sich in mir und ich weine, werde geschüttelt, Katze, und ich denke an Dich, weil du Element und Natur bist, mit Deinen Tatzen im Sand steckst wie ich und Deine Augen das gelbe Licht tragen. Du hast mich auf dieser wundersamen Reise durch meine Unruhe begleitet. Ich kann das nicht anders erklären…“
Und die Katze erzählt mir auch alles Mögliche, doch ich verstehe kein Katzenwort - ich verstehe nur, dass auch ich sie begleitet habe durch diese Katzenruhe und -unruhe zwischen Palmen und weißen Häusern.
Beide haben wir an diesem Ort überwintert. Beide suchen wir das Licht, sind ungefragt Element und Natur, streifen herum, hinterfragen nichts, wollen die Flöhe aus dem Pelz gesammelt haben und ein wenig Zuwendung bekommen. Beide sind wir am liebsten auf dem Sonnendach unseres Lebens, im Januar an der Algarve in Portugal. In einem kleinen Ort namens Galé, der auch ein Eulenwald ist.














Januar 2011

Emma

Gedanken an einem Aussichtspunkt an einer Straße im Gebirge


Emma hat Kopfschmerzen. Keine Tablette dabei. Hat nicht daran gedacht. Vom Autofahren wird ihr schnell übel und sie bekommt Kopfschmerzen, besonders auf Bergstraßen. Seit wann eigentlich? Früher war das alles kein Problem, denkt Emma.
Ihre Gedanke hauen immer ab; immer nach hinten, zurück. Dahin zurück, als sie noch nach vorne lebte. Das Leben brauste an Hoffnungen und Illusionen vorbei, Lichter an den Leitplanken an einer Straße durchs Gebirge.
Cool war es damals, denkt Emma, und irgendwie lebendiger, unberechenbarer. Wir wollten das Leben leben, erinnert sie sich an ihre Jugend. Jeder Moment war das reine, pure, absolute Leben. Und jeder Moment war, so kommt es ihr heute vor, existenziell. Sie legte es auch darauf an. Setzte sich allem aus, was sie für „das Leben“ hielt. Sie trampte durchs Leben, auf gewundenen Straßen durchs Gebirge. Das war eine ziemlich abenteuerliche Zeit! Und was kam dann?
Die bohrende Frage, wohin das alles führen würde, erinnert sie als Gärung, auch als schmerzhaft, ja. Und die Abenteuer waren von Depressionen verdunkelt wie von Vogelschwärmen, die im Herbst aus den Feldern aufsteigen. Doch damals dachte sie, hoffte sie, meinte sie zu wissen: Das geht vorbei, das wird besser werden. Die Depressionen werden verschwinden, sobald aus dem Abenteuerleben mit seinen funkelnden Mosaiksteinchen ein hübsches Lebensgebäude geworden ist, in dem es sich - endlich -  aushalten lässt. Das war die Hoffnung, die Illusion: Das Leben auszuhalten. Denn sie hielt es nirgends wirklich aus. Sie lebte im Moment, alles andere erstickte in Unerträglichkeit.
Heute hält Emma das Leben immer noch nicht aus. Und manchmal ist der Kopfschmerz so stark wie die Gewissheit, dass es nicht wirklich besser wird. Dass die dunklen Vögel im Herbst immer wieder kommen, immer wieder, jeden Herbst…
Und der Kopfschmerz, die Müdigkeit, die Depression, sie können jederzeit an die Tür klopfen und hereinkommen in Emmas hübsches, mit ein paar funkelnden Mosaiksteinchen verziertes Lebensgebäude, in dem es sich doch ganz gut aushalten lassen sollte. Doch immer haben die ungebetenen Gäste irgendwelche Vorwände, um hereinzukommen: Das Wetter ist zu dunkel, zu feucht, zu schlecht für Emmas schwachen Lungen, die Sonne zu stark für ihren migräneanfälligen Kopf, die Luft hat zuviel oder zuwenig Sauerstoff, der Luftdruck ist zu hoch oder zu niedrig, das Essen ist zu fett, zu süß, zu reichhaltig, das Trinken enthält zuviel oder zuwenig Alkohol, das Leben bietet zuviel oder zuwenig Liebe, Aufmerksamkeit, Lust - eher immer zuwenig. Es reicht nie, es nützt nie, um alles auf Dauer zu ertragen.
Emma sollte zufrieden sein, heute. Da sie es aber nicht wirklich sein kann, leidet sie unter dem Gefühl, undankbar zu sein. Da sitzen die dunklen Vögel mitten im schönsten Sonnenschein auf der Terrasse ihres hübschen Lebenshäuschens und stoßen bösartige Krächzlaute hervor. Sie sitzen auf dem Giebel des Daches und auf dem Küchensims, und das Flattern ihrer großen, schwarzen Schwingen hört Emma im Schlafzimmer, in ihrem weißen, frisch gemachten Daunenbett bis in die Träume.
Seit wann?, fragt sich Emma und fingert ein paar Gedanken aus den ineinander verknäuelten Erinnerungen hervor. Das Kopfweh und die Übelkeit beim Autofahren kamen nach den Abenteuern. Oder waren das die Folgen des abenteuerlichen Lebens? Folgen des Kriegs gegen die Gesellschaft- Eine Gesellschaft, die Spießigkeit und Starre verkörperte, deren Werte sich als verlogen herausstellten. Nicht mehr als eine brüchige Fassade, hinter der Unrecht, Menschenverachtung und Gier hervorquollen und -krochen wie stinkender Unrat und Ungeziefer.
Emma findet es schwierig, nach vorne zu gehen im Leben, immer weiter diese gewundene Straße entlang. Ihre Begleiter sind Gedanken aus der Kriegszeit; Kriegsveteranen, verkrüppelt, versehrt. Den einen fehlen Arme, den anderen Beine, hier ist die Nase ab, dort ein Auge erblindet, da sind die Zähne ausgeschlagen. Ihre Gedanken sind ein Volk von Kriegsveteranen. Doch im Krieg gegen die Gesellschaft, da gab es Kameradschaft, Zusammenhalt gegen einen gemeinsamen Feind. Es gab das gemeinsame Erleben, den Rausch; Sex und Drogen. Haschisch, Marihuana, Alkohol, Opium, Kokain, Heroin. Wie zerstörerisch das Leben sich selbst lebte! Unsere Körper und Seelen wurden von ihm verschluckt wie von Ozeanwellen, denkt Emma hier oben an diesem Aussichtspunkt an dieser Straße durchs Gebirge. Rücksichtslos, ohnmächtig, selbstzerstörerisch waren dieser Krieg und dieser Frieden. Wir wuchsen aus der Gesellschaft hervor wie herrliches Unkraut. Was für eine köstliche, bekiffte Freiheit!
Die Straße durchs Leben hat viele Windungen und Wendungen genommen seit damals. Emma erinnert den Wechsel von Hell und Dunkel in ihrem Leben. Lichter blinkten von den Leitplanken an der Autobahn, auf Feldwegen waren irgendwo in der Ferne die erleuchteten Fenster eines Dorfes zu sehen; sogar im Gebirge funkelten die Sterne der Zivilisation hier und da aus dem Tal herauf: Hoffnungen, Illusionen, Orientierung, Irrlichter. Und immer gab es in der Dämmerung einen Streifen Licht am Horizont: Erfüllung und Frieden. Und immer wieder flogen dunkle Vögel auf aus den Äckern: Depression, Verzweiflung, Scheitern. Und immer wieder sangen Vögel aus den grüngelben Bäumen mit leuchtenden Früchten darin: Glück, Liebe, Freiheit, Lust.
So ist das auch heute noch. Das Hell und Dunkel wechseln sich ab in Emmas Leben. Was sie heute erfüllt, nennt sie „Licht“ oder „Klang“.
Heute Abend werden ein paar Tabletten Emmas Kopfschmerz verjagen, und die Gedanken werden in ihre Nachtträume wandern. Dort säubern Aufräumkommandos die Straßen und Strände ihres Lebens. Kehraus, Nacht für Nacht, an diesem lichtvollen Ort auf der Erde.
Emma ist dankbar für dieses Geschenk, einen ganzen Monat hier sein zu können! Das kann sie sich leisten in ihrem hübschen Leben: Einen ganzen Monat, während das Wetter zuhause fies und dunkel und kalt ist, bewohnt sie das Appartement einer Freundin in Südportugal und schreibt. Sie kann schreiben, was sie will; sie hat keinen Druck und macht niemandem Konkurrenz. Hier und da gibt es einen kleinen Erfolg, ein weißer Kieselstein auf dem Weg durch ihren Hänsel-und-Gretel-Wald. Ein Brotkrumen im Mondlicht, um den sie von missgünstigen Kolleginnen beneidet wird. Doch es gibt auch noch ein paar Freundschaften in diesem Restleben in dieser entleerten Welt, denkt Emma und reibt sich die Schläfen. Der Schmerz schabt an der Schädeldecke wie Sandpapier.
Was hätte ich denn lieber als dieses Leben? Hinter den Schläfen zieht sich die Frage zu einem Netz zusammen, das in ihre Hirnmasse schnürt.
Hätte ich gerne großen Erfolg? Wäre ich gerne gefragt? Von wem, für was?
Wäre ich gerne noch einmal so naiv wie damals, zur Abenteuerzeit? Aus der Disko fliegen, nur weil ich beim Tanzen einen Joint rauche? Warum finden die das denn nicht cool?
Durch Spanien, Marokko und Portugal trampen und mit Bergbauern zusammenkommen, die ich heute nur noch durch die Scheiben meines Mietwagens von Ferne auf ihren Feldern sehe?
Was will die Welt von mir? Was will ich von der Welt? Wer hat wen enttäuscht? Wer hat sich wem verweigert?
Die Fragen hängen in den grüngelben Bäumen wie verschrumpelte Früchte; saftlos, kraftlos. Und der Kopfschmerz bleibt in ihrem Kopf wie eine harte Nuss, die niemals reif wird und nicht fällt.
Auf dem Meer tanzt ein goldener Teppich. Ein Auto hält am Aussichtspunkt. Ein Mann steigt aus. Der schlaksige Kerl mit dunkler Haut, brauner Lederjacke, Goldkette und einem breiten Jungengrinsen über das ganze Gesicht baut ein Stativ mit Fotokamera über dem Panorama auf. Dann entsteigt eine Frau dem Auto: Sie ist groß, sehr dick, ihre Haut alabasterweiß. Ihr langes, schwarzes Haar fällt bis zu den Kniekehlen herab. Sie trägt schwarze Nylonstrümpfe und Highheels, dazu ein schwarzes Top, das etwa bis zur Hälfte ihren ausladenden Po bedeckt. Von ihren Hüften hängen zwei schwarze Bändchen herab, die am Top angenäht sind. Die Schöne prüft das Bild durch die Kamera. Der Mann holt einen Ghettoblaster aus dem Auto, dann geht die Session los: Hoch über dem goldenen Sonnenteppich wippt die dicke, weiße Schönheit mit geschürzten Lippen zur Musik aus dem Ghettoblaster. Sie hält die schwarzen Bändchen ihres Tops und schwingt sie zu Rhythmus und Melodie, während der Schwarze mit seiner Goldkette um die Wette strahlt und den Auslöser der Kamera bedient.
Das Leben leben, denkt Emma und vergisst einen Moment den Kopfschmerz. Der Moment ist das Leben; das reine, pure, absolute Leben.