Dienstag, 2. Februar 2016

Algarve-Lissabon Revisited

Algarve 2016








 Sonnenuntergang an der Algarve

Und als ich am Abend alleine am Strand entlanggehe in den Sonnenuntergang, da fallen die Wände um mich herum weg, stürzen ein, fort, davon, diese Wände dessen, der immer bei mir ist und mich bewacht (ja, seine Gegenwart bildet Wände um mich herum). Und nun beginnen all die Stimmen in mir sich wieder frei zu fühlen, flügge zu sein (sie kennen das, erinnern sich daran), und munter plappern sie herum und schwingen und schaukeln auf den Diamantschwingen und Diamantschaukeln in der Luft, und dann rollen sie davon. Wünsche werden sichtbar, zeigen sich; sie reiten auf Gedanken. Die Gedanken sind Pferde. Eine bunte, muntere Herde portugiesischer Pferde sehr unterschiedlichen Charakters.
Nun sinkt die Sonne, und ich sinke in die mir bekannte Ergriffenheit, eine sumpfige Erde, die mich von unten her, von den Füßen, die Waden hinauf anfüllt, als wäre ich eine Vase. Doch froh bin ich, heiter, umarme die Tragödie meines Scheiterns. Sehe aufeinmal mitten hindurch durch den Stoff Leben in eine glasklare, ferne, wohltuend fremde Luft.
Die Sonne berührt das Meer, sie haben Sex, dieser rote Ball dringt ein in die Haut und zerschneidet sich beim Hineingehen in das Fleisch an ein paar dahingleitenden Wolkenmessern. Dennoch ist sie vergnügt, lacht, diese hartgesottene Sonne, dieser tiefrote Ball. Ihre Kraft, ihre Unverschämtheit, ihr wildes Lachen aus einem ungeheuerlichen Raum machen mich heiter und ruhig, so seltsam das ist. Nichts ist in mir, alles brandet durch mich hindurch, dieses Rollen des Fleisches aus Meeresmasse. Reichlich Fische darin wie nervöse Empfindungen. Zappelnd, ergeben, aufsässig.
Der Mond bedeckt sich nun mit einer feinen Watteschicht, diese noble, blitzende Seelensichel des Abendhimmels. Und Fischerboote, und verschiedene Farben, das altbekannte Rosa, das von altbekannten Vögeln und ihren Rufen durchkreuzt wird, “wohin?” und “woher?”, heiser, gellend, schon weit weg. Diese Rufe sind auch heute Abend so alt und neu wie immer, und das beruhigt mich.




Lissabon 2016






Drei kurze Geschichten aus Lissabon


Worte
oder Wer im Glashaus sitzt

Es ist Sonntag. Männer trinken ihren Espresso, Bica genannt, und ihr Glas Wein in der Snack Bar Sinai in ihrem Kiez. Der Mann hinter der Theke schenkt die Gläser randvoll. Eine Frau betritt die Bar.  Der enganliegende Lederrock ist leicht verrutscht, die Frisur in Unordnung. Lange Strähnen ihres schwarzen Haars hängen von der Hochsteckfrisur in ihr hageres Gesicht. Mit dezenten Gesten, gesenktem Blick, lauernd wie ein Hund, der winselt, aber auch zubeißen kann, mit verkniffenem Mund, ein bitterer Ausdruck auf den Lippen, etwas beißenden Geruch verströmend, bittet sie den Barkeeper, die Toilette benutzen zu dürfen. Deutet ins Innere der Bar, ganz nach hinten durch, wo ein Schild das WC anzeigt. Die Blicke der Männer treffen auf sie wie ein leichter Regen aus schmutziggrauen Kieselsteinen. Der Mann hinter der Theke entscheidet: keine Bemerkungen hier in meiner Bar! Er sagt kein Wort, er spricht mit seinen Blicken. Knapp und präzise bestimmen sie das Geschehen. So benutzt die Frau das WC, und die Männer trinken weiter ihre Bica oder ihr Glas Wein. Jeder ist für sich, keiner unterhält sich mit dem anderen. Man hört das Geklapper der Gläser oder Bicatassen, wenn sie auf der Theke abgestellt werden, Münzen, die Kasse, und ab und zu das Gehen der Eingangstür oder der Schwingtür zum WC am Ende der Bar. Worte werden gewechselt beim Bestellen, beim Bezahlen, beim Begrüßen und Verabschieden. Das sind die Rituale.
Ich denke: so soll es sein. Jeder oder jede hat ein Recht auf sein Glas Wein oder die Toilettenbenutzung. Jeder oder jede wird gleich behandelt. Jeder lebt sein Leben, trägt sein kleines Schicksal wie ein Schneckenhaus mit Anstand und Respekt vor den anderen. Der Barkeeper hat ein Recht auf respektvollen Umgang in seiner Bar. Alles ist sauber und geordnet hier, alles geht der Reihe nach. Ich denke: der Barkeeper ist ein rechtschaffener, gerechter Mann. Ein Kommunist im idealen Sinn.
So soll es sein, sonntags in der Bar Sinai um die Ecke vom Nationalmuseum für alte Kunst, wo das Leben auf dem harten, schmutziggrauen Kieselstein-Pflaster der Straße oder den glitschigen, steilen Treppenstufen zum Fluss hinunter auf das Leben der Reichen, der schön Gekleideten, der Gebildeten oder der ganz normalen Menschen trifft, die das Museum, seine Caféteria, genannt “Restaurant”, oder die neue, schicke Bar vor dem Museumsgebäude, ganz aus Glas, direkt über dem Tejo, besuchen. “Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen”, so geht das Sprichwort.


Alt und gebrechlich, rauf und runter

An der Tram-Haltestelle am Largo da Graça warten drei alte Männer mit Krücken. Es ist dunkel, und es regnet. Ein altes Weib, beladen mit Tüten, Taschen und Körperfülle, kommt hinzu. Sie spricht, während sie ihre Tüten und Taschen auf der Bank der überdachten Haltestelle abstellt. Sie spricht mit sich selbst und mit allen Anwesenden, so scheint es, teilt ihr Tun in allen Einzelheiten mit. “Papel”, verstehe ich, “Papier”. Sie holt eine Ansammlung von Papierservietten aus ihrer Manteltasche und wischt die nasse Bank ab. “Chuva”, “Regen”, sagt sie immer wieder. Wir warten auf die Straßenbahn Número 28 nach Prazeres. Ausnahmsweise sind wir gerade die einzigen Touristen, und vielleicht erkennt man uns nicht einmal. Wir reden nicht, tragen keinen Rucksack, keine Straßenkarte oder eine Kamera vor uns her und versuchen, recht alltäglich dreinzublicken. Manchmal klappt es, und einer von uns wird auf Portugiesisch angesprochen - das gibt einen Punkt. Derzeit haben wir Gleichstand. Jetzt nicke ich immer freundlich und verständnisvoll, wenn die dicke Frau etwas zu mir sagt. “Chuva”, schnaubt sie; ja, es regnet.
Die Straßenbahn kommt, wir steigen ein. Ich mache Zeichen, die alten Herren vor uns einsteigen zu lassen, aber sie lächeln und lehnen ab. Alles der Reihe nach bitte! Sie klettern die Stufen hinauf in die Bahn, eine der täglichen Herausforderungen in dieser Stadt, wo ein Gewirr hell gepflasterter Straßen die steilen Hügel zwischen engen Häusern hinauf und hinunter führt. Hier leben die Menschen, und hier klettern sie tagtäglich Straßen und Stufen rauf und runter. Der Straßenbahnfahrer, ein junger Mann mit langem, schwarzen Zopf, der über der blauen Uniform an seinem Rücken herabhängt, nimmt die Tüten und Taschen der schnaufenden Frau an und stellt sie neben dem Fahrersitz ab. Später, als sie aussteigt, reicht er sie ihr wieder hinaus. Sie stapft davon in die Dunkelheit.
Wieder versuche ich während der Fahrt, meinen Sitz einem alten, gebrechlichen Menschen zu überlassen, doch dankend und lächelnd lehnt er ab und bedeutet mir, sitzen zu bleiben. “Obrigado”, danke für das Angebot. Ich habe zwar schmerzende Füße, doch bin ich nicht alt und gebrechlich, nein! Als wir nun am Largo do Camões aussteigen, bestehe ich darauf, dass dieser eine Mann mit Krücken, der schon nicht meinen Sitz wollte, doch vor mir aussteigt. “Obrigado”, danke - endlich!


Der Lisboeta

Für die letzte Fahrt, aus der Stadt heraus zum Flughafen, bestellen wir ein Taxi.
Unser Taxifahrer ist groß und schlank und von kräftiger Statur. Er hat ein großes, langes Gesicht, große, lange Gliedmaßen. Kaffeebraune Haut, eine arabische Nase, arabische Eulenaugen. Er ist von einer freundlichen, sympathischen Art und recht gesprächig.
Der Taxifahrer erzählt:
“We in Lisbon have a friendly way. The winter does not get colder than this – this is winter! I am born in Lisbon, I never left this city, I am fourtyfive years old now, I am we call it a Lisboeta. I never saw snow. I think my mother saw snow once, about sixty years ago. We have good weather, we have the most sun in Portugal and even in Europe in the winter, I think. We are friendly people, and there are no great problems. Only in the tram, maybe, the public transport, you know. It is often crowded, and there are pickpocketers nowadays. They come from Romania, they are a big problem. But only in the tram, because it is crowded, and there are lots of tourists with the maps and the cameras, you understand? Well, not all the pickpocketers come from Romania, most of them. But actually it is not a big problem. No, there is nothing really bad here. Even at night, people gather at places, but yes, there are some black people, the young, you know, they maybe do some funny things at night, but no, mostly they are ok. And also there are no muselmans, really not, there are no problems here. We have a lot of black people, from the colonies, they are all right.
Dear Sir and dear Madame, you must come to Lisbon in June! There is the party of the holy Antonio, patron of the city. All the neighbourhood is cooking the food, fish and salad, and it’s for free! There is dance and drink and the fish on the grill. It is a very nice time and not too hot for you.
Yes, the food is good and good places around, bars, restaurants and so on. But here in Lisbon we don’t read about the places, you know, we talk. Mouth to mouth, that’s how you know about good places and everything.
It’s good you like our city, good for us. And yes, it’s nice to be here.
I am glad you had a good time. Thank you, bye, bye!”






Fotos, (c) Eva Wal, VG Bild